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Wie analysiert man empirische Daten?

Statistische Auswertung · Maximilian Fuchs · 10. Mai 2026 · 10 Min. Lesezeit

Was bedeutet „empirische Daten analysieren“ konkret?

Empirische Daten zu analysieren bedeutet, aus systematisch erhobenen Beobachtungen belastbare Aussagen abzuleiten – auf Basis von Methoden, die nachvollziehbar und überprüfbar sind. Das geht weit über das bloße Anwenden statistischer Tests hinaus. Wer empirische Daten analysiert, folgt einem strukturierten Prozess: von der Klärung der Forschungsfrage über die Aufbereitung der Rohdaten bis hin zur Interpretation der Ergebnisse.

Für Studierende in Abschlussarbeiten ist dieser Prozess besonders relevant – und oft unterschätzt. Viele konzentrieren sich auf die Auswertung selbst, vernachlässigen aber die vorgelagerten Schritte, die erst die Qualität der Ergebnisse sichern. Einen guten Einstieg bietet der Überblick zur empirischen Datenanalyse, der die Grundbegriffe kompakt erläutert.

Die Phasen der empirischen Datenanalyse im Überblick

Ein strukturierter Analyseprozess lässt sich in vier aufeinander aufbauende Phasen gliedern. Wichtig dabei: Diese Phasen verlaufen selten streng sequenziell. In der Praxis kehrt man häufig zu früheren Schritten zurück, wenn sich neue Erkenntnisse oder Probleme zeigen.

Phasen der empirischen Datenanalyse
Phase Inhalt Typische Aufgaben
1. Vorbereitung Forschungsfrage und Analyseziel klären Hypothesen formulieren, Variablen definieren, Messniveau prüfen
2. Exploration Daten verstehen und bereinigen Deskriptive Statistiken, Verteilungen, Ausreißer, fehlende Werte
3. Auswertung Statistische Verfahren anwenden Hypothesentests, Regressionen, Gruppenvergleiche
4. Interpretation Ergebnisse einordnen und kommunizieren Effektgrößen, Limitationen, Bezug zur Forschungsfrage

Dieses Phasenmodell ist eng verwandt mit dem CRISP-DM-Prozessmodell, das Datenanalyse als iterativen, nicht-linearen Prozess beschreibt – ein Prinzip, das sich direkt auf empirische Forschungsprojekte übertragen lässt.

Phase 1: Forschungsfrage klären und Daten vorbereiten

Bevor eine einzige Analyse gestartet wird, muss feststehen, welche Frage beantwortet werden soll. Klingt selbstverständlich – ist es aber nicht. Vage Fragestellungen führen zu vagen Ergebnissen.

Forschungsfrage und Hypothesen operationalisieren

Aus der Forschungsfrage leiten sich die Hypothesen ab. Diese müssen so formuliert sein, dass sie mit den vorhandenen Daten prüfbar sind. Klären Sie deshalb vorab:

  • Welche Variablen sind abhängig, welche unabhängig?
  • Auf welchem Messniveau liegen die Variablen vor (nominal, ordinal, metrisch)?
  • Welche Richtung haben die Hypothesen (gerichtet oder ungerichtet)?
  • Welcher statistische Test passt zu den Hypothesen und zum Datenniveau?

Daten aufbereiten

Rohdaten sind selten analysebereit. Typische Aufbereitungsschritte umfassen:

  • Fehlende Werte identifizieren und entscheiden, ob sie ausgeschlossen, ersetzt oder imputiert werden
  • Ausreißer prüfen – ob sie Datenfehler oder inhaltlich relevante Extremwerte darstellen
  • Variablen umkodieren oder neue Variablen bilden (z. B. Skalenmittelwerte aus Einzelitems)
  • Datenformat prüfen – sind alle Variablen korrekt als numerisch oder kategorial kodiert?
Häufiger Fehler: Änderungen an den Rohdaten werden direkt in der Original-Datei vorgenommen, ohne dass die Schritte dokumentiert werden. Das macht die Analyse später kaum nachprüfbar. Halten Sie Rohdaten und bereinigte Daten grundsätzlich in getrennten Dateien – und protokollieren Sie jeden Transformationsschritt.

Phase 2: Daten explorieren und verstehen

Bevor Sie zur inferenzstatistischen Auswertung übergehen, sollten Sie Ihre Daten gründlich kennenlernen. Diese Phase wird in Abschlussarbeiten häufig übersprungen – dabei liefert sie wichtige Hinweise darauf, ob geplante Analysen überhaupt sinnvoll sind.

Deskriptive Statistiken berechnen

Für jede relevante Variable berechnen Sie zunächst Lage- und Streuungsmaße:

  • Metrische Variablen: Mittelwert, Median, Standardabweichung, Minimum, Maximum
  • Kategoriale Variablen: Häufigkeiten und prozentuale Anteile
  • Ordinalvariablen: Median, Interquartilsabstand

Mittelwert – Grundformel

Verteilungen und Voraussetzungen prüfen

Viele statistische Tests setzen bestimmte Verteilungseigenschaften voraus. Der häufigste Fall: Die Normalverteilungsannahme. Prüfen Sie diese z. B. mit dem Shapiro-Wilk-Test oder über Q-Q-Plots. Auch Varianzhomogenität (relevant für t-Tests und ANOVA) sollte in dieser Phase untersucht werden.

Zudem lohnt es sich, erste bivariate Zusammenhänge grafisch zu erkunden – etwa mit Streudiagrammen oder Boxplots. Das gibt ein Gefühl für die Daten, bevor formale Tests durchgeführt werden.

Phase 3: Statistische Auswertung durchführen

Jetzt erfolgt die eigentliche Analyse. Die Wahl der Methoden hängt von der Forschungsfrage, dem Messniveau der Variablen und den geprüften Voraussetzungen ab. Die statistische Auswertung empirischer Abschlussarbeiten folgt dabei einem klar strukturierten Ablauf, der sich nach den Hypothesen richtet.

Inferenzstatistik: Hypothesen prüfen

Im Kern geht es darum, auf Basis der Stichprobe Aussagen über die Grundgesamtheit zu treffen. Die wichtigsten Verfahren im Überblick:

Statistische Verfahren nach Fragestellung und Datenniveau
Fragestellung Typisches Verfahren Voraussetzungen
Gruppenunterschied (2 Gruppen) t-Test Metrisch, Normalverteilung
Gruppenunterschied (3+ Gruppen) ANOVA Metrisch, Normalverteilung, Varianzhomogenität
Zusammenhang (metrisch) Pearson-Korrelation Metrisch, Normalverteilung
Zusammenhang (ordinal) Spearman-Korrelation Mindestens ordinal
Vorhersage einer abhängigen Variable Lineare Regression Metrisch, Linearität, Homoskedastizität
Häufigkeitsvergleich kategorialer Variablen Chi-Quadrat-Test Nominal, ausreichende Zellenbesetzung

Effektgrößen nicht vergessen

Ein statistisch signifikantes Ergebnis sagt noch nichts über die praktische Bedeutsamkeit aus. Deshalb sollten Sie stets auch Effektgrößen berichten – etwa Cohens d für Mittelwertunterschiede oder η² (Eta-Quadrat) für die erklärte Varianz in einer ANOVA.

Cohens d – Effektgröße für Mittelwertunterschiede

Als Orientierung gilt: d = 0,20 entspricht einem kleinen, d = 0,50 einem mittleren und d = 0,80 einem großen Effekt. An den meisten Hochschulen gilt es als gute wissenschaftliche Praxis, Effektgrößen neben dem p-Wert in jeder empirischen Auswertung standardmäßig zu berichten.

Software für die Auswertung

Welche Software Sie nutzen, hängt von Ihrer Fachrichtung und den Anforderungen Ihrer Hochschule ab. Gängige Optionen:

  • SPSS: Verbreitet in Psychologie und Sozialwissenschaften, menügeführt
  • R: Frei verfügbar, sehr flexibel, ideal für komplexe Analysen
  • Jamovi: Benutzerfreundliche Alternative zu SPSS, ebenfalls kostenlos
  • Stata: Häufig in Wirtschafts- und Gesundheitswissenschaften
  • Python: Vielseitig, besonders im Bereich maschinelles Lernen und große Datensätze

Einen detaillierten Überblick über verfügbare Auswertungsmethoden und wann welche zum Einsatz kommt finden Sie in unserem separaten Beitrag.

Phase 4: Ergebnisse interpretieren und einordnen

Die Interpretation ist die wissenschaftlich anspruchsvollste Phase – und gleichzeitig die, die in Abschlussarbeiten am häufigsten zu kurz kommt. Ergebnisse berichten ist das eine; sie im Kontext der Forschungsfrage, der Theorie und der methodischen Grenzen zu deuten, ist das andere.

Bezug zur Hypothese herstellen

Für jede Hypothese muss klar beantwortet werden: Wurde sie bestätigt oder verworfen? Auf welcher Grundlage (Testwert, p-Wert, Effektgröße)? Dabei gilt: Ein nicht-signifikantes Ergebnis ist kein Fehler, sondern ein inhaltlicher Befund – er sollte entsprechend diskutiert werden.

Limitationen benennen

Jede empirische Studie hat Grenzen. Typische Aspekte, die Sie in der Diskussion adressieren sollten:

  • Stichprobengröße und Repräsentativität
  • Selbstselektionseffekte bei Befragungen
  • Soziale Erwünschtheit bei sensiblen Themen
  • Einschränkungen bei der Kausalinterpretation (Querschnittsdesign)
  • Validität und Reliabilität der verwendeten Instrumente
Gut zu wissen: Die Stärke einer empirischen Arbeit liegt nicht darin, perfekte Ergebnisse zu liefern, sondern darin, Befunde transparent und methodisch begründet darzustellen. Gutachterinnen und Gutachter erwarten eine kritische Reflexion – nicht das Verschweigen von Grenzen.

Was empirische Ergebnisse bedeuten und wie man sie richtig einordnet, ist eine Frage, die viele Studierende erst in der Diskussionsphase stellt – dabei lohnt es sich, diese Perspektive schon bei der Planung mitzudenken.

Reproduzierbarkeit – warum sie entscheidend ist

Eine Analyse gilt dann als wissenschaftlich belastbar, wenn eine unabhängige Person mit denselben Daten dieselben Ergebnisse erhalten kann. Das klingt selbstverständlich – ist es in der Praxis aber oft nicht. Moderne Datenanalysen enthalten viele kleine Entscheidungen: welche Fälle ausgeschlossen wurden, wie Variablen umkodiert wurden, welche Software-Version zum Einsatz kam.

Wer diese Schritte nicht dokumentiert, produziert Ergebnisse, die zwar korrekt sein mögen, aber kaum nachprüfbar sind. Empfehlenswert ist deshalb, Rohdaten und bereinigte Daten strikt getrennt zu halten, Transformationsschritte zu dokumentieren und Analyseskripte so zu organisieren, dass sie erneut ausgeführt werden können.

Praktische Empfehlungen für reproduzierbare Analysen

  • Rohdaten niemals überschreiben – immer als separate Originaldatei aufbewahren
  • Alle Datenbereinigungsschritte skriptbasiert dokumentieren (z. B. in R oder SPSS-Syntax)
  • Versionierung von Skripten nutzen (z. B. mit Git oder durch klare Dateinamen mit Datum)
  • Manuelle Änderungen in Excel-Tabellen vermeiden – diese sind kaum nachvollziehbar und fehleranfällig
  • Tabellen und Abbildungen möglichst automatisiert erzeugen, nicht manuell übertragen

Besonders für Dissertationen und Masterarbeiten, bei denen Ergebnisse langfristig prüfbar bleiben müssen, ist eine durchdachte Dokumentation kein optionales Extra, sondern methodischer Standard. Die Anforderungen an eine statistische Auswertung in der Masterarbeit gehen in aller Regel über die einer Bachelorarbeit hinaus – unter anderem deshalb.

Welche Methode für welche Fragestellung?

Die häufigste Frage bei der empirischen Datenanalyse lautet: Welches Verfahren ist das richtige für meine Daten? Die Antwort hängt von mehreren Faktoren ab.

Entscheidungskriterien für die Methodenwahl

  • Art der Forschungsfrage: Unterschied, Zusammenhang oder Vorhersage?
  • Messniveau der Variablen: Nominal, ordinal oder metrisch?
  • Anzahl der Gruppen oder Variablen: Zwei Gruppen oder mehrere? Eine oder mehrere Prädiktoren?
  • Erfüllte Voraussetzungen: Normalverteilung, Varianzhomogenität, Unabhängigkeit der Beobachtungen?
  • Stichprobengröße: Beeinflusst sowohl die Teststärke als auch die Methodenwahl bei kleinen n
Einfach erklärt: Wenn Sie Gruppen vergleichen wollen, fragen Sie sich zuerst: Wie viele Gruppen? Zwei → t-Test (oder Mann-Whitney-U bei Verletzung der Normalverteilung). Mehr als zwei → ANOVA (oder Kruskal-Wallis). Wenn Sie Zusammenhänge untersuchen wollen: metrische Variablen → Pearson-Korrelation, ordinale → Spearman. Vorhersage → Regression.

Einen strukturierten Überblick zu Beispielen quantitativer Methoden finden Sie in unserem Überblicksartikel, der auch zeigt, in welchen Fachbereichen welche Verfahren besonders häufig eingesetzt werden.

Quantitative und qualitative Ansätze

Nicht alle empirischen Fragen lassen sich mit Zahlen beantworten. Wenn Sie Meinungen, Erfahrungen oder Bedeutungszuschreibungen untersuchen, kommen qualitative Methoden wie die Inhaltsanalyse nach Mayring oder die Grounded Theory zum Einsatz. Der Unterschied zwischen qualitativer und quantitativer Analyse ist dabei nicht nur eine Frage der Datenart, sondern auch der erkenntnistheoretischen Grundhaltung.

Häufige Fehler bei der empirischen Datenanalyse

Wer empirische Daten zum ersten Mal analysiert, macht typische Fehler – die meisten davon sind jedoch vermeidbar, wenn man sie kennt.

Die häufigsten Stolpersteine

  • Voraussetzungen nicht prüfen: Ein t-Test ohne Prüfung der Normalverteilung ist methodisch angreifbar.
  • Signifikanz mit Relevanz verwechseln: Ein p-Wert unter 0,05 sagt nichts über die Größe eines Effekts aus – Effektgrößen sind Pflicht.
  • Zu viele Tests ohne Korrektur: Wer viele Hypothesen testet, erhöht die Wahrscheinlichkeit falsch positiver Ergebnisse. Hier hilft die Bonferroni-Korrektur.
  • Fehlende Werte ignorieren: Listwise Deletion kann die Stichprobe verzerren – prüfen Sie, ob das Muster der fehlenden Werte zufällig ist.
  • Ergebnisse ohne Bezug zur Forschungsfrage berichten: Jede Tabelle, jeder Test muss einen klaren Bezug zur Fragestellung haben.
  • Daten manuell in Excel bearbeiten: Nicht dokumentierte Änderungen sind nicht reproduzierbar und können Fehler verursachen, die später nicht auffindbar sind.

Wer an diesem Punkt unsicher ist, ob der eigene Analyseplan methodisch trägt, kann sich frühzeitig methodische Unterstützung holen. Die professionelle Begleitung bei der statistischen Auswertung empirischer Abschlussarbeiten setzt genau dort an: bei der Planung und Operationalisierung, nicht erst beim Rechnen.

Einen guten Einstieg in den Gesamtprozess bietet auch der Artikel zu den Phasen des Forschungsprozesses – dort wird deutlich, wie die Datenanalyse in das Gesamtvorhaben einer empirischen Arbeit eingebettet ist.

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