Welche 7 Arten von Sozialforschung gibt es?
In diesem Beitrag
Überblick: Wie lassen sich die sieben Arten einordnen?
In der Sozialforschung gibt es keine einzige verbindliche Liste mit exakt sieben Arten – die Zahl ergibt sich aus einer systematischen Zusammenschau gängiger Klassifikationen. Je nach Perspektive unterscheidet man Forschungstypen nach ihrem Ziel (Was soll die Studie leisten?), ihrer Methode (quantitativ, qualitativ oder gemischt?) oder ihrem Anwendungsbezug (grundlagenorientiert oder praxisnah?).
Die folgende Übersicht ordnet die sieben Arten diesen drei Dimensionen zu:
| Art der Forschung | Hauptziel | Typische Methoden |
|---|---|---|
| Explorativ | Erste Orientierung, Hypothesenentwicklung | Interviews, Fokusgruppen, Literaturreviews |
| Deskriptiv | Beschreibung von Phänomenen | Surveys, Beobachtung, Inhaltsanalyse |
| Erklärend | Kausalzusammenhänge aufdecken | Experimente, Regressionen, Längsschnittstudien |
| Evaluativ | Programme und Maßnahmen bewerten | Vergleichsdesigns, Prä-Post-Messungen |
| Handlungsorientiert | Praktische Veränderung anstoßen | Partizipative Forschung, Action Research |
| Soziale Folgenabschätzung | Soziale Wirkungen von Entscheidungen beurteilen | Szenarioanalysen, Stakeholderbefragungen |
| Mixed Methods | Quantitative und qualitative Erkenntnisse integrieren | Sequenzielle und parallele Kombinationsdesigns |
Die ersten drei Typen – explorativ, deskriptiv und erklärend – bilden das klassische Fundament. Sie orientieren sich an der grundlegenden Frage, ob eine Studie ein Thema erschließen, beschreiben oder kausal erklären soll. Die übrigen vier Typen erweitern diesen Rahmen in Richtung Praxisbezug und Methodenkombination.
1. Explorative Forschung
Explorative Forschung setzt an, wenn ein Thema noch wenig erforscht ist oder wenn Forschende zunächst einen groben Überblick gewinnen müssen, bevor sie präzisere Fragen formulieren können. Das Ziel ist nicht, Hypothesen zu testen, sondern Hypothesen erst zu entwickeln.
Wann ist dieser Ansatz sinnvoll?
Typische Anwendungsfelder sind neue gesellschaftliche Phänomene (z. B. die Nutzung sozialer Medien durch ältere Generationen), wenig untersuchte Subgruppen oder Fragestellungen, bei denen noch kein belastbares theoretisches Modell vorliegt. Auch wer die Machbarkeit einer größeren Folgestudie prüfen möchte, arbeitet explorativer Logik.
Methodisch dominieren hier qualitative Verfahren: Experteninterviews, Fokusgruppen, ethnografische Beobachtungen oder systematische Literaturreviews. Dabei ist es sinnvoll, die statistischen Verfahren der nachfolgenden Hauptstudie bereits im Blick zu behalten, um Messinstrumente früh angemessen vorzubereiten.
2. Deskriptive Forschung
Deskriptive Forschung beschreibt ein Phänomen, eine Gruppe oder einen Sachverhalt so genau wie möglich. Die Fragen lauten typischerweise: Wie verbreitet ist X? Wie sieht Y in der Bevölkerung aus? Welche Merkmale hat Gruppe Z?
Merkmale und Methoden
Dieser Forschungstyp liefert keine Kausalerklärungen, aber er schafft eine belastbare Datenbasis für weiterführende Analysen. Repräsentative Bevölkerungsumfragen, offizielle Statistiken und standardisierte Fragebögen sind typische Erhebungsinstrumente.
Deskriptive Ergebnisse lassen sich anschaulich darstellen – etwa durch Häufigkeitsverteilungen, Mittelwertvergleiche oder Kreuztabellen. Wie solche Kennzahlen aussehen und interpretiert werden, zeigt unser Beitrag zu Beispielen aus der Sozialstatistik.
3. Erklärende Forschung
Erklärende Forschung geht einen Schritt weiter als die Beschreibung: Sie fragt nach dem Warum. Ziel ist es, Ursache-Wirkungs-Beziehungen zu identifizieren – also zu verstehen, welche Faktoren ein bestimmtes Ergebnis verursachen oder zumindest beeinflussen.
Anforderungen an das Design
Kausalschlüsse stellen hohe Anforderungen an das Forschungsdesign. Klassisch gilt das Experiment als Goldstandard, weil nur dort Störvariablen systematisch kontrolliert werden können. In der Sozialforschung sind Laborexperimente aber oft nicht realisierbar – stattdessen kommen Quasi-Experimente, Längsschnittstudien oder multivariate Regressionsanalysen zum Einsatz.
Wichtig: Erklärende Forschung setzt in der Regel eine theoretische Grundlage voraus. Wer einfach Variablen korreliert, ohne eine inhaltliche Begründung für den vermuteten Zusammenhang zu liefern, betreibt strenggenommen keine erklärende, sondern eher explorative Forschung.
4. Evaluationsforschung
Evaluationsforschung prüft, ob ein Programm, eine Maßnahme oder eine Policy die gewünschten Wirkungen erzeugt. Sie ist eine Form der angewandten Sozialforschung und wird besonders häufig in öffentlichen Institutionen eingesetzt: Schulen, Krankenhäuser, Sozialeinrichtungen, Verwaltungen und Non-Profit-Organisationen greifen regelmäßig auf diesen Forschungstyp zurück.
Historischer Hintergrund und heutige Bedeutung
Evaluationsforschung erlebte in den 1960er Jahren in den USA einen deutlichen Aufschwung, als zahlreiche neue Sozialprogramme eingeführt wurden und deren Wirksamkeit systematisch überprüft werden musste. Heute ist sie ein eigenständiges Teilgebiet mit spezialisierten Designs. In der Bildungs- und Gesundheitsforschung gehört sie zum Standardrepertoire – und gewinnt auch in der öffentlichen Verwaltung zunehmend an Bedeutung.
Methodisch arbeitet Evaluationsforschung häufig mit Prä-Post-Vergleichen, Kontrollgruppen oder randomisierten Kontrollstudien. Dass solche statistischen Methoden in der Sozialforschung eine zentrale Rolle spielen, zeigt sich hier besonders deutlich: Ohne belastbare Daten lässt sich nicht beurteilen, ob ein Programm wirkt oder nicht.
Angewandte Typen wie Evaluationsforschung, handlungsorientierte Forschung und soziale Folgenabschätzung zeigen, dass Sozialforschung nicht nur erklärt, sondern auch Programme bewertet, Handeln unterstützt und soziale Folgen abschätzen kann.
5. Handlungsorientierte Forschung
Handlungsorientierte Forschung – im Englischen häufig als Action Research bezeichnet – verfolgt ein klares praktisches Ziel: Sie soll nicht nur Wissen erzeugen, sondern konkrete Veränderungen in der sozialen Praxis anstoßen. Betroffene Gruppen werden dabei oft aktiv in den Forschungsprozess einbezogen.
Partizipation als Kernelement
Partizipative Forschungsansätze sind ein typisches Merkmal dieses Typs. Forschende und Beforschte arbeiten gemeinsam an der Problemdefinition, der Datenerhebung und der Entwicklung von Lösungsstrategien. Das setzt eine andere Rollenverteilung voraus als in der klassischen Grundlagenforschung.
Handlungsorientierte Forschung ist in der Pädagogik, Sozialen Arbeit und Gemeinwesenarbeit verbreitet. Sie eignet sich besonders für Fragestellungen, bei denen nicht nur Erkenntnis, sondern auch unmittelbare Problemlösung im Mittelpunkt steht.
6. Soziale Folgenabschätzung
Die Soziale Folgenabschätzung (englisch: Social Impact Assessment) untersucht, welche gesellschaftlichen Konsequenzen geplante Eingriffe, Projekte oder Politikmaßnahmen haben können – bevor diese umgesetzt werden. Sie dient als Entscheidungsgrundlage für Politik, Wirtschaft und Verwaltung.
Anwendungsbeispiele
Typische Kontexte sind Infrastrukturprojekte (z. B. der Bau einer Autobahn durch ein Dorf), wirtschaftliche Restrukturierungen oder sozialpolitische Reformen. Dabei werden Stakeholderbefragungen, Szenarioanalysen und Vergleichsstudien genutzt, um mögliche Wirkungen auf Beschäftigung, soziale Kohäsion, Gesundheit oder Migrationsmuster abzuschätzen.
Dieser Forschungstyp bewegt sich an der Schnittstelle von Wissenschaft und politischer Beratung. Er stellt hohe Anforderungen an die Kombination qualitativer und quantitativer Methoden sowie an die Kommunikation von Unsicherheiten in den Ergebnissen.
7. Mixed-Methods-Forschung
Mixed-Methods-Forschung ist keine bloße Kombination von zwei Methoden, sondern ein eigenständiger Forschungsansatz mit spezifischen Designprinzipien. Quantitative und qualitative Daten werden systematisch integriert, um ein Forschungsproblem umfassender zu beleuchten, als es mit einem einzelnen Ansatz möglich wäre.
Die drei grundlegenden Mixed-Methods-Designs
In der Methodenliteratur werden drei Grundtypen unterschieden, die sich im Timing und in der Gewichtung der Datenerhebung unterscheiden. Ob qualitative und quantitative Daten kombiniert werden, hängt davon ab, welches Erkenntnisziel im Vordergrund steht und wie die Phasen zeitlich angeordnet werden:
- Convergent Parallel Design: Quantitative und qualitative Daten werden gleichzeitig erhoben, getrennt ausgewertet und erst am Ende integriert. Ziel ist ein möglichst vollständiges Bild des Forschungsgegenstands.
- Explanatory Sequential Design: Zunächst werden quantitative Daten erhoben und ausgewertet. Die qualitative Phase schließt sich an und dient dazu, die quantitativen Befunde zu erklären oder zu vertiefen.
- Exploratory Sequential Design: Die Forschung beginnt qualitativ – etwa mit Interviews –, um Variablen, Konstrukte oder Messinstrumente zu entwickeln, die in einer nachfolgenden quantitativen Phase genutzt werden.
Wann lohnt sich Mixed Methods?
Der Mehrwert dieses Ansatzes liegt in der Triangulation: Wenn quantitative und qualitative Ergebnisse übereinstimmen, erhöht das die Überzeugungskraft. Wenn sie divergieren, entstehen oft die interessantesten Folgefragen. Für Abschlussarbeiten ist Mixed Methods anspruchsvoll, aber machbar – vorausgesetzt, das Zeitbudget lässt eine sorgfältige Planung beider Phasen zu.
Wer Mixed Methods einsetzt, steht auch vor methodischen Entscheidungen zum Unterschied zwischen qualitativer und quantitativer Sozialforschung – denn erst wenn man beide Logiken versteht, lassen sie sich sinnvoll integrieren.
Welche Art passt zu Ihrer Arbeit?
Die Wahl des Forschungstyps sollte von Ihrer Forschungsfrage ausgehen – nicht von verfügbaren Daten oder persönlichen Präferenzen. Eine grobe Orientierung:
Entscheidungshilfe: Welcher Typ passt?
- Sie wissen noch nicht genau, was Sie untersuchen wollen → Explorativ
- Sie wollen Merkmale einer Gruppe oder eines Phänomens systematisch erfassen → Deskriptiv
- Sie wollen Ursachen oder Einflussfaktoren verstehen → Erklärend
- Sie bewerten ein Programm oder eine Maßnahme → Evaluativ
- Sie wollen Veränderungen in einer Gemeinschaft anstoßen → Handlungsorientiert
- Sie schätzen Wirkungen eines geplanten Eingriffs ab → Soziale Folgenabschätzung
- Ihre Fragestellung braucht sowohl statistische Breite als auch inhaltliche Tiefe → Mixed Methods
In der Praxis zeigt sich allerdings, dass dieser Schritt oft unterschätzt wird: Viele Studierende wählen ein Forschungsdesign, ohne den zugrundeliegenden Typ explizit zu benennen. Das kann in der Prüfung zu Rückfragen führen – insbesondere wenn Forschungsfrage und Methode nicht kohärent zueinander passen.
Wie sich die gewählte Forschungsart anschließend in konkrete statistische Verfahren übersetzt, hängt vom Skalenniveau der Variablen, der Stichprobengröße und dem Hypothesenrahmen ab. Eine strukturierte Übersicht zu statistischen Verfahren in den Sozialwissenschaften hilft dabei, den richtigen Analyseschritt zu wählen.
Wenn Sie unsicher sind, ob Ihr Forschungsansatz methodisch kohärent ist, oder wenn Sie Unterstützung bei der Operationalisierung Ihrer Forschungsfrage benötigen, bietet die methodische Begleitung für Sozialwissenschaften von QuantExpert einen direkten Ansprechpartner mit Fachkenntnis in allen sieben beschriebenen Forschungstypen.