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Welche Auswertungsmethoden gibt es für Interviews?

MAXQDA · Maximilian Fuchs · 30. Mai 2026 · 9 Min. Lesezeit

Überblick: Qualitative vs. quantitative Interview-Auswertung

Für die Auswertung von Interviews stehen mehrere wissenschaftlich etablierte Methoden zur Verfügung – allen voran die qualitative Inhaltsanalyse, die thematische Analyse und die Grounded Theory. Welche davon für Ihre Arbeit geeignet ist, hängt vor allem von Ihrer Forschungsfrage und Ihrem erkenntnistheoretischen Ansatz ab.

Grundsätzlich lassen sich zwei Richtungen unterscheiden:

  • Qualitative Auswertung: Interpretatives Vorgehen, das Bedeutungen, Muster und Zusammenhänge im Interviewmaterial herausarbeitet. Typisch für Tiefeninterviews, Experteninterviews oder narrative Interviews.
  • Quantitative Auswertung: Häufigkeitsbasierte Analyse von Kategorien oder Codes, oft als Ergänzung zu qualitativen Verfahren genutzt (z. B. Häufigkeit bestimmter Themen über mehrere Interviews hinweg).

In der Praxis akademischer Abschlussarbeiten dominieren qualitative Verfahren – insbesondere wenn Interviews dazu dienen, Einstellungen, Erfahrungen oder subjektive Deutungsmuster zu erfassen. Die drei wichtigsten Methoden werden im Folgenden ausführlich vorgestellt.

Qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring

Die qualitative Inhaltsanalyse ist das am häufigsten eingesetzte Verfahren in Abschlussarbeiten im deutschsprachigen Raum – und das mit gutem Grund: Sie ist systematisch, regelgeleitet und gut dokumentierbar.

Grundprinzip: Kategorienbasierte Auswertung

Das zentrale Element ist das Kategoriensystem. Bedeutungsaspekte des Interviewmaterials werden in Kategorien gebündelt, die entweder vorab theoriegeleitet festgelegt (deduktiv) oder direkt aus dem Material entwickelt werden (induktiv). In der Praxis kombinieren viele Forschende beide Ansätze.

Wichtig: Jede Kategorie sollte mit einer Definition, einem Ankerbeispiel und klaren Kodierregeln abgesichert sein. Nur so wird die Codierung intersubjektiv nachvollziehbar und nicht bloß intuitiv – ein Qualitätskriterium, das in der Methodenliteratur ausdrücklich gefordert wird.

Techniken der qualitativen Inhaltsanalyse

Mayring beschreibt mehrere Auswertungstechniken, die je nach Erkenntnisinteresse gewählt werden:

  • Zusammenfassung: Das Material wird schrittweise auf seinen wesentlichen Inhalt reduziert.
  • Induktive Kategorienbildung: Kategorien entstehen direkt aus dem Text – nicht auf Basis von Häufigkeiten, sondern bedeutungs- und informationsorientiert.
  • Inhaltliche Strukturierung: Bestimmte Themen, Inhalte oder Aspekte werden systematisch aus dem Material extrahiert.
  • Skalierende Strukturierung: Einschätzungen oder Bewertungen im Material werden auf einer Skala eingeordnet.
  • Typenbildende Inhaltsanalyse: Aus dem Material werden Typen oder Cluster gebildet, die das Spektrum der Fälle abbilden.
  • Formale Strukturierung: Formale Merkmale des Materials (z. B. Sprachstil, Struktur) stehen im Fokus.
Häufiger Fehler Die qualitative Inhaltsanalyse wird in Abschlussarbeiten häufig auf reine Häufigkeitsauszählungen reduziert. Das greift zu kurz: Gerade die induktive Kategorienbildung ist ein bedeutungs- und interpretationsorientiertes Verfahren, das weit über das bloße Zählen von Begriffen hinausgeht.

Wann ist die qualitative Inhaltsanalyse die richtige Wahl?

Dieses Verfahren eignet sich besonders, wenn Ihre Forschungsfrage konkret und thematisch eingegrenzt ist, wenn Sie vergleichen möchten (z. B. Antworten mehrerer Interviewpartner zu denselben Themen) oder wenn Ihre Betreuungsperson eine regelgeleitete, gut dokumentierbare Methode erwartet.

Thematische Analyse

Die thematische Analyse (TA) ist international eine der verbreitetsten Methoden zur Auswertung qualitativer Interviews – und dabei flexibler als oft angenommen.

Mehr als eine Methode

Thematische Analyse ist keine einzelne, standardisierte Vorgehensweise, sondern – wie in der aktuellen Methodenliteratur betont wird – eine Familie von Ansätzen, zu der unter anderem die Coding-Reliability-TA, die Codebook-TA und die reflexive TA gehören. Jede Variante folgt einer anderen erkenntnistheoretischen Logik und stellt andere Anforderungen an Codierung, Interpretation und Berichterstattung.

Das hat praktische Konsequenzen: Wenn Sie thematische Analyse anwenden, sollten Sie in Ihrer Arbeit explizit benennen, welche Variante Sie nutzen und welche theoretischen Annahmen dahinterstehen.

Themen sind keine Überschriften

Ein häufiges Missverständnis: Themen in der TA sind keine bloßen Inhaltszusammenfassungen oder Kapitelüberschriften. Je nach Ansatz handelt es sich um interpretative Bedeutungsmuster, die über das Offensichtliche im Text hinausgehen. Die Unterscheidung zwischen semantischer TA (was wird gesagt?) und latenter TA (was liegt dem zugrunde?) ist dabei besonders wichtig.

Gut zu wissen Thematische Analyse kann sowohl induktiv (datengetrieben) als auch deduktiv (theoriegeleitet) durchgeführt werden. Beide Richtungen sind wissenschaftlich anerkannt – entscheidend ist, dass Sie Ihr Vorgehen begründen und konsistent durchhalten.

Qualitätskriterien für die Berichterstattung

Die Methodenliteratur empfiehlt, bei der Darstellung thematischer Analyseergebnisse eine klare thematische Struktur zu zeigen – etwa in Form einer Liste, Tabelle oder thematischen Map. Außerdem sollten Abweichungen von etablierten Vorgehensweisen begründet und Qualitätskriterien explizit gemacht werden, die zur gewählten TA-Variante passen.

Grounded Theory

Grounded Theory unterscheidet sich grundlegend von den beiden zuvor genannten Methoden: Hier geht es nicht darum, vorhandene Kategorien auf Interviewmaterial anzuwenden, sondern aus den Daten schrittweise theoretische Konzepte zu entwickeln.

Datenerhebung und Analyse als iterativer Prozess

Charakteristisch für Grounded Theory ist, dass Erhebung und Analyse nicht strikt getrennt ablaufen. Analyseergebnisse fließen in weitere Erhebungsschritte ein – ein Prinzip, das als theoretisches Sampling bezeichnet wird. Das bedeutet: Sie entscheiden im Verlauf des Forschungsprozesses, welche weiteren Interviews Sie führen, basierend auf dem, was Ihnen die bisherigen Daten zeigen.

Diese Logik macht Grounded Theory zu einem anspruchsvollen, aber erkenntnisreichen Verfahren. Es richtet sich gegen die Annahme, qualitative Forschung sei impressionistisch – und zeigt sie stattdessen als regelgeleitete Strategie zur Theorieentwicklung.

Wann ist Grounded Theory sinnvoll?

Grounded Theory empfiehlt sich vor allem bei explorativen Fragestellungen, bei denen theoretische Erklärungsmuster noch nicht bekannt sind und erst aus dem Material entstehen sollen. Wenn Ihre Forschungsfrage lautet „Wie erleben Pflegende den Berufseinstieg?“ und Sie dazu kaum Vorwissen haben, kann Grounded Theory das richtige Werkzeug sein.

Für Bachelorarbeiten ist das Verfahren allerdings oft zu aufwändig – sowohl zeitlich als auch methodisch. Grounded Theory stellt deutlich höhere Anforderungen als eine thematische Ordnung von Interviewaussagen und sollte nicht leichtfertig gewählt werden.

Weitere Methoden im Überblick

Neben den drei Hauptverfahren existieren weitere Auswertungsansätze, die je nach Disziplin und Forschungskontext relevant sein können:

  • Narrationsstrukturelle Analyse (nach Schütze): Analysiert die erzählerische Struktur biographischer oder narrativer Interviews. Relevant in der Biographieforschung und Soziologie.
  • Dokumentarische Methode (nach Bohnsack): Rekonstruiert implizites Handlungswissen und kollektive Orientierungsmuster. Häufig eingesetzt in der qualitativen Bildungs- und Sozialforschung.
  • Diskursanalyse: Untersucht, wie Sprache soziale Wirklichkeit konstruiert. Geeignet für Interviews, in denen gesellschaftliche Deutungsmuster im Vordergrund stehen.
  • Konversationsanalyse: Fokussiert auf die sequenzielle Struktur von Gesprächsabläufen. Erfordert sehr detaillierte Transkriptionen und ist in der Linguistik und Kommunikationsforschung verbreitet.
  • Kombination quantitativer und qualitativer Methoden (Mixed Methods): Qualitative Interviewauswertung wird mit quantitativer Analyse verbunden, z. B. Häufigkeitsauszählung von Codes über mehrere Fälle.

Welche Methode passt zu welcher Forschungsfrage?

Die Wahl der Auswertungsmethode sollte immer aus der Forschungsfrage folgen – nicht umgekehrt. Die folgende Tabelle gibt eine erste Orientierung:

Auswertungsmethoden für Interviews im Vergleich
Methode Typische Fragestellung Vorgehen Geeignet für
Qualitative Inhaltsanalyse Was sagen Befragte zu Thema X? Kategorienbasiert, systematisch Bachelor- & Masterarbeiten, Vergleiche
Thematische Analyse Welche Bedeutungsmuster zeigen sich? Flexibel, induktiv oder deduktiv Interpretative Forschung, international
Grounded Theory Welche Theorie lässt sich entwickeln? Iterativ, theoretisches Sampling Explorative Dissertationen, Neuland
Narrationsanalyse Wie wird eine Biographie erzählt? Strukturell-sequenziell Biographieforschung, Soziologie
Dokumentarische Methode Welche impliziten Orientierungen zeigen sich? Rekonstruktiv Bildungsforschung, Sozialforschung

Ein häufig übersehener Punkt: Die Forschungsfrage allein reicht nicht – auch Ihr erkenntnistheoretischer Rahmen (realistisch, konstruktivistisch, phänomenologisch) bestimmt, welche Methode konsistent eingesetzt werden kann. Wer eine konstruktivistische Perspektive einnimmt, sollte nicht unreflektiert ein realistisch konzipiertes Kategoriensystem anwenden.

Einfach erklärt Fragen Sie sich: Will ich beschreiben was gesagt wurde (→ Inhaltsanalyse), verstehen welche Bedeutung etwas hat (→ thematische Analyse) oder entwickeln warum etwas so ist, wie es ist (→ Grounded Theory)? Diese Fragen helfen bei der Methodenwahl oft mehr als abstrakte Vergleichstabellen.

Software-Unterstützung bei der Auswertung

Alle genannten Methoden lassen sich softwaregestützt durchführen. Das spart Zeit, erleichtert die Dokumentation und erhöht die Nachvollziehbarkeit – besonders wenn Sie mit mehreren Interviews oder einem umfangreichen Transkriptkorpus arbeiten.

MAXQDA als Standard im DACH-Raum

Im deutschsprachigen Forschungsraum hat sich MAXQDA als Standardtool für qualitative Interviewauswertungen etabliert. Das Programm unterstützt alle gängigen Methoden: Sie können Codesysteme für die Inhaltsanalyse aufbauen, thematische Strukturen visualisieren und auch komplexe Grounded-Theory-Projekte mit Memos und theoretischen Kategorien organisieren. Eine ausführliche Schritt-für-Schritt-Anleitung zum Vorgehen finden Sie im Beitrag Interviews mit MAXQDA auswerten.

Wenn Sie sich fragen, ob sich die Investition in die Software lohnt oder welche Funktionen MAXQDA konkret bietet, hilft ein Blick in die Artikel Lohnt sich MAXQDA? und Was kann ich mit MAXQDA machen?. Wer mit knappem Budget arbeitet, findet in unserem Beitrag zu kostenlosen Alternativen zu MAXQDA eine strukturierte Übersicht.

Was Software leisten kann – und was nicht

Wichtig zu verstehen: Keine Software übernimmt die methodische Entscheidungsarbeit für Sie. MAXQDA oder NVivo helfen beim Organisieren, Codieren und Visualisieren – aber die Interpretation liegt beim Forschenden. Die Methode bestimmen Sie, das Werkzeug unterstützt nur die Umsetzung.

Wer unsicher ist, welche Auswertungsmethode zur eigenen Forschungsfrage passt oder wie die gewählte Methode methodisch korrekt umgesetzt wird, findet bei QuantExpert erfahrene Unterstützung: Unsere methodische Begleitung für qualitative Auswertungen richtet sich gezielt an Studierende und Promovierende, die ihre Interviewdaten systematisch und nachvollziehbar auswerten möchten – von der Methodenwahl bis zur Ergebnisdarstellung.

Interviewauswertung Qualitative Inhaltsanalyse Thematische Analyse Grounded Theory MAXQDA Qualitative Methoden Abschlussarbeit Codierung

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