Welche Beispiele gibt es für Forschungsfragen?
In diesem Beitrag
- Was macht eine gute Forschungsfrage aus?
- Beispiele aus der Psychologie
- Beispiele aus der Medizin und Gesundheitswissenschaften
- Beispiele aus den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften
- Beispiele nach Forschungslogik: deskriptiv, relational, erklärend
- Forschungsfragen in Mixed-Methods-Studien
- Vorher–Nachher: Schwache vs. starke Forschungsfragen
- Häufige Fehler bei der Formulierung
Gute Forschungsfragen sind das Fundament jeder empirischen Arbeit – sie bestimmen, welche Daten erhoben werden, welche Methoden sinnvoll sind und was am Ende tatsächlich beantwortet werden kann. Dieser Artikel zeigt Ihnen konkrete Beispiele aus verschiedenen Fächern und Forschungslogiken, erklärt, was diese Beispiele methodisch stark macht, und zeigt häufige Schwächen auf – damit Sie Ihre eigene Frage fundiert formulieren können.
Was macht eine gute Forschungsfrage aus?
Bevor wir uns die Beispiele ansehen, lohnt ein kurzer Blick auf die Kriterien. Eine Forschungsfrage unterscheidet sich grundlegend von einem Thema. „Angst und soziale Medien“ ist ein Thema – keine Forschungsfrage. Erst wenn Sie konkret fragen, wie TikTok Angstsymptome bei Jugendlichen im Alter von 14 bis 18 Jahren beeinflusst, entsteht daraus eine operationalisierbare, empirisch prüfbare Frage.
Eine starke Forschungsfrage erfüllt typischerweise folgende Merkmale:
- Spezifisch: Die betrachteten Gruppen, Variablen oder Phänomene sind klar benannt.
- Offen formuliert: Sie lässt sich nicht mit Ja oder Nein beantworten.
- Empirisch prüfbar: Sie ist mit Daten oder systematischen Beobachtungen beantwortbar.
- Nicht suggestiv: Die Antwort ist nicht bereits in der Frage enthalten.
- Angemessen eng: Sie ist weder so weit gefasst, dass sie nicht bearbeitbar ist, noch so eng, dass keine relevanten Erkenntnisse entstehen.
Beispiele aus der Psychologie
Die Psychologie ist eines der Fächer, in denen empirische Forschungsfragen besonders häufig in Abschlussarbeiten auftauchen. Die folgenden Beispiele reichen von Bachelor- bis Dissertationsniveau.
Kognition und Leistung
- Unterscheiden sich Personen mit hoher Selbstwirksamkeitserwartung und Personen mit niedriger Selbstwirksamkeitserwartung in ihrer Prüfungsleistung in einem standardisierten Leistungstest?
- In welchem Zusammenhang steht der Schlafumfang von Studierenden (in Stunden pro Nacht) mit ihrer Konzentrationsfähigkeit, gemessen mit dem d2-Aufmerksamkeits- und Konzentrationstest?
- Inwiefern wirkt sich eine achtwöchige Achtsamkeitsintervention auf das wahrgenommene Stressniveau von Erstsemesterstudierenden aus?
Klinische Psychologie und Wohlbefinden
- Wie hängt die tägliche Social-Media-Nutzungsdauer (gemessen in Minuten) mit dem Ausmaß depressiver Symptome bei Jugendlichen zwischen 14 und 20 Jahren zusammen?
- Zeigen Personen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung im Vergleich zu einer klinisch unauffälligen Kontrollgruppe unterschiedliche Regulationsstrategien bei negativen Emotionen?
Beispiele aus der Medizin und Gesundheitswissenschaften
In der Medizin orientieren sich Forschungsfragen häufig am PICO-Schema (Population, Intervention, Comparison, Outcome). Das hilft, alle relevanten Bausteine systematisch zu benennen.
Klinische und epidemiologische Fragen
- Haben Patientinnen und Patienten mit Typ-2-Diabetes, die eine strukturierte Ernährungsberatung erhalten, nach sechs Monaten niedrigere HbA1c-Werte als eine Vergleichsgruppe ohne Beratung?
- Welchen Einfluss hat die tägliche körperliche Aktivität (gemessen in Schritten via Aktigraphie) auf den systolischen Blutdruck bei Erwachsenen zwischen 50 und 70 Jahren?
- In welchem Ausmaß unterscheiden sich Raucherinnen und Raucher, die an einem Entwöhnungsprogramm teilgenommen haben, in ihrer Rückfallquote nach zwölf Monaten von Personen ohne Programmteilnahme?
Versorgungsforschung
- Wie erleben chronisch kranke Menschen den Übergang von stationärer in ambulante Versorgung, und welche Faktoren beeinflussen das subjektive Versorgungsgefühl?
- Welche strukturellen Barrieren beschreiben Pflegefachkräfte in ländlichen Regionen bei der Umsetzung evidenzbasierter Wundversorgungsstandards?
Die letzten beiden Fragen haben qualitative Forschungslogik – sie zielen auf Erleben und Deutungen ab, nicht auf Häufigkeiten oder Mittelwerte. Das ist kein Fehler, sondern eine bewusste methodische Entscheidung, die auch das Forschungsdesign maßgeblich beeinflusst. Mehr zu den qualitativen Forschungsdesigns lesen Sie in einem separaten Beitrag.
Beispiele aus den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften
In den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften sind Forschungsfragen häufig auf gesellschaftliche Phänomene, Organisationsverhalten oder politische Zusammenhänge ausgerichtet. Die Bandbreite reicht von hochquantitativ bis interpretativ-qualitativ.
Organisationsforschung und Management
- Besteht ein Zusammenhang zwischen dem wahrgenommenen Führungsstil (transformational vs. transaktional) und der Arbeitszufriedenheit von Mitarbeitenden in mittelständischen Unternehmen?
- Inwiefern beeinflusst die Einführung von Home-Office-Regelungen die selbstberichtete Produktivität und Work-Life-Balance bei Wissensarbeiterinnen und Wissensarbeitern?
Soziologie und Politikwissenschaft
- Wie verändert sich das politische Vertrauen in staatliche Institutionen nach einer Wirtschaftskrise, gemessen anhand von Längsschnittdaten aus dem European Social Survey?
- Welche sozialen Faktoren erklären den Unterschied in der Bildungsbeteiligung zwischen Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund in Deutschland?
Bildungsforschung
- Unterscheiden sich Lernende, die digitale Lernmaterialien nutzen, von Lernenden mit ausschließlich analogen Materialien im Kompetenzzuwachs nach einem Semester?
- Welche Erfahrungen machen Lehrkräfte mit inklusivem Unterricht an Regelschulen, und wie beeinflussen institutionelle Rahmenbedingungen ihr pädagogisches Handeln?
Beispiele nach Forschungslogik: deskriptiv, relational, erklärend
Forschungsfragen lassen sich nicht nur nach Fachgebiet, sondern auch nach ihrer Forschungslogik unterscheiden. Diese Logik bestimmt, welche statistischen Verfahren oder Auswertungsmethoden angemessen sind. Eine ausführlichere Darstellung der vier Arten von Forschungsfragen finden Sie in einem eigenen Beitrag.
| Typ | Beispielfrage | Typische Methode |
|---|---|---|
| Deskriptiv | Wie verbreitet ist Prokrastinationsverhalten bei Studierenden im ersten Studienjahr? | Häufigkeitsanalyse, Mittelwerte, deskriptive Statistik |
| Relational / korrelativ | Besteht ein Zusammenhang zwischen Prokrastination und Prüfungsangst bei Studierenden? | Korrelationsanalyse, Regression |
| Komparativ | Unterscheiden sich Erstakademiker und Nicht-Erstakademiker im Prokrastinationsverhalten? | t-Test, Mann-Whitney-U-Test |
| Kausal / erklärend | Reduziert ein Zeitmanagement-Training Prokrastinationsverhalten im Vergleich zu einer Kontrollgruppe? | Experiment, ANCOVA, Längsschnittanalyse |
| Qualitativ verstehend | Wie erleben Studierende Prokrastination im Alltag, und welche Bewältigungsstrategien nutzen sie? | Interviews, qualitative Inhaltsanalyse, Grounded Theory |
Die Forschungslogik ist keine Formalität – sie entscheidet darüber, welches Forschungsdesign Sie wählen und welche Daten Sie erheben müssen. Wer eine kausale Frage stellt, braucht ein anderes Design als jemand mit einer deskriptiven Frage.
Forschungsfragen in Mixed-Methods-Studien
Komplexere Studien kombinieren quantitative und qualitative Stränge. Dabei kann entweder eine übergreifende integrierte Frage formuliert werden, oder es werden separate Teilfragen für jeden Strang verwendet.
Ein konkretes Beispiel verdeutlicht das: Eine Studie untersucht Einstellungen zu sozialer Hilfsbereitschaft. Die quantitative Teilfrage könnte lauten: „Besteht ein statistischer Zusammenhang zwischen bestimmten ethischen Überzeugungen und der Bereitschaft zur sozialen Unterstützung?“ Die qualitative Teilfrage ergänzt: „Wie erklären Personen mit scheinbar widersprüchlichen Einstellungen ihr Hilfsverhalten?“ Solche kombinierten Designs – mit getrennten Fragen für qualitative und quantitative Stränge – sind sinnvoll, wenn die Forschung sequenziell abläuft oder beide Teile unterschiedlich stark gewichtet werden.
Für empirische Abschlussarbeiten bedeutet das: Wenn Ihre Studie sowohl einen Fragebogen als auch Interviews enthält, sollten Sie beide Fragen explizit formulieren – und transparent machen, in welchem Verhältnis sie zueinander stehen.
Vorher–Nachher: Schwache vs. starke Forschungsfragen
Viele Forschungsfragen scheitern nicht am Thema, sondern an der Formulierung. Das lässt sich am besten durch direkte Gegenüberstellungen zeigen. Eine zu allgemeine Frage wie „Sind Frauen intelligenter als Männer?“ ist methodisch kaum greifbar – sie benennt weder eine messbare Variable noch eine klar definierte Population oder ein Instrument. Eine verbesserte Variante benennt die konkrete Altersgruppe, einen standardisierten Test und formuliert offen: „Unterscheiden sich Frauen und Männer zwischen 20 und 30 Jahren in ihrer Leistung auf dem Hamburg-Wechsler-Intelligenztest für Erwachsene?“ Dieser Schritt – von vage zu klar definierten Gruppen, Variablen und einem Messinstrument – ist entscheidend für die empirische Prüfbarkeit.
| Schwache Formulierung | Starke Formulierung | Problem der schwachen Version |
|---|---|---|
| Wie wirkt sich die Umwelt auf Menschen aus? | Wie beeinflusst der tägliche Kontakt mit Grünflächen (≥ 30 min/Tag) das subjektive Wohlbefinden von Stadtbewohnerinnen und Stadtbewohnern zwischen 25 und 45 Jahren? | Zu vage: Welche Umwelt? Welche Menschen? Welche Wirkung? |
| Erhöhen soziale Medien Angst und Depression? | In welchem Zusammenhang steht die tägliche TikTok-Nutzungsdauer mit selbstberichteten Angstsymptomen bei Jugendlichen zwischen 14 und 18 Jahren? | Suggestiv: Die Antwort ist bereits in der Frage impliziert |
| Was denken Lehrkräfte über Inklusion? | Welche Einstellungen zu inklusivem Unterricht haben Grundschullehrkräfte in Bayern, und welche institutionellen Faktoren beeinflussen diese Einstellungen? | Zu offen: Keine klare Population, keine Eingrenzung |
| Hilft Sport bei Depressionen? | Unterscheiden sich Erwachsene mit leichter depressiver Symptomatik, die an einem 8-wöchigen aeroben Trainingsprogramm teilnehmen, von einer Wartelistenkontrollgruppe im BDI-II-Score nach Interventionsende? | Nicht operationalisiert: Welcher Sport? Wie gemessen? Welche Population? |
Häufige Fehler bei der Formulierung
Selbst inhaltlich gute Ideen scheitern manchmal an vermeidbaren Formulierungsfehlern. In der Praxis zeigt sich, dass diese Schwächen sehr häufig vorkommen – und von Betreuenden oft bereits in der ersten Feedbackrunde angemerkt werden.
Die fünf häufigsten Fehler
- Suggestive Fragestellung: „Warum sind soziale Medien schädlich für Jugendliche?“ – setzt bereits voraus, was erst gezeigt werden soll.
- Fehlende Operationalisierung: „Wie zufrieden sind Mitarbeitende?“ – ohne Angabe, womit Zufriedenheit gemessen wird, ist die Frage nicht empirisch prüfbar.
- Ja/Nein-Fragen: „Hat Stress einen Einfluss auf die Schlafqualität?“ – lässt nur eine binäre Antwort zu, kein Erkenntnisgewinn über Art, Stärke oder Richtung des Zusammenhangs.
- Zu breite Population: „Menschen“ oder „alle Beschäftigten“ – ohne Eingrenzung ist keine sinnvolle Stichprobenziehung möglich.
- Zwei Fragen in einer: „Welchen Einfluss hat Stress auf die Schlafqualität, und wie wirkt sich das auf die Lebensqualität aus?“ – das sind zwei separate Forschungsfragen.
Wer unsicher ist, ob die eigene Forschungsfrage methodisch trägt, sollte sie frühzeitig im Rahmen der Forschungsplanung und Studiendesignentwicklung prüfen lassen – denn Korrekturen an der Forschungsfrage im Nachhinein können das gesamte Studiendesign in Frage stellen.
Wenn Sie Ihre Frage bereits formuliert haben und nun wissen möchten, wie Sie sie konkret in der Einleitung Ihrer Arbeit platzieren, hilft Ihnen unser Beitrag zur Formulierung der Forschungsfrage in der Einleitung weiter.