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Wie bilde ich Kategorien nach Mayring?

Qualitative Analyse · Maximilian Fuchs · 23. Mai 2026 · 10 Min. Lesezeit

Was Kategorien in der Inhaltsanalyse leisten

Kategorien sind das zentrale Analyseinstrument der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring. Sie legen fest, welche Textstellen als bedeutsam gelten, wie diese gebündelt werden und welche Aussagen sich daraus ableiten lassen. Das klingt abstrakt, ist in der Praxis aber deutlich konkreter als gedacht: Eine Kategorie ist im Grunde ein beschriftetes Behältnis, in das Sie passende Textstellen einsortieren.

Entscheidend ist, dass Mayrings Ansatz regelgeleitet ist. Das Material wird nicht frei interpretiert, sondern anhand vorab definierter Regeln bearbeitet. Kategorien sind dabei nicht nur Namen, sondern müssen mit Definitionen, Analyseeinheiten, Textbelegen und Gütekriterien verbunden werden – sonst sind sie für eine wissenschaftliche Abschlussarbeit nicht tragfähig.

Für Studierende im Bereich Psychologie, Sozialwissenschaften oder Pädagogik ist das besonders relevant: Ohne ein durchdachtes Kategoriensystem lässt sich ein Interviewtranskript zwar lesen, aber nicht systematisch auswerten. Wer mehr über die methodischen Grundlagen erfahren möchte, findet dazu eine ausführliche Einführung in unserem Beitrag zur qualitativen Inhaltsanalyse.

Die zwei Grundwege: induktiv vs. deduktiv

Mayring unterscheidet zwei grundlegende Strategien der Kategorienbildung, die sich an unterschiedlichen Forschungslogiken orientieren:

Induktive vs. deduktive Kategorienbildung im Vergleich
Merkmal Induktiv Deduktiv
Ausgangspunkt Das empirische Material Theorie, Forschungsstand, Leitfaden
Kategorien entstehen Während der Analyse Vor der Analyse
Grundform bei Mayring Zusammenfassende Inhaltsanalyse Strukturierende Inhaltsanalyse
Besonders geeignet Explorative Fragestellungen Theoriegeleitete Fragestellungen
Risiko Kategorien bleiben unscharf Material passt nicht in Kategorien

Ob Sie induktiv oder deduktiv vorgehen – oder beide Wege kombinieren –, hängt von Ihrer Forschungsfrage ab. Die Frage, ob die Inhaltsanalyse nach Mayring deduktiv oder induktiv ist, lässt sich daher nicht pauschal beantworten: Beides ist möglich und methodisch legitim.

Induktive Kategorienbildung Schritt für Schritt

Bei der induktiven Kategorienbildung entwickeln Sie Kategorien direkt aus dem Material heraus. Sie gehen also ohne fertige Kategorienliste in die Analyse. Das bedeutet jedoch nicht, dass Sie theorielos arbeiten: Thema, Selektionskriterium und Abstraktionsniveau müssen vorab festgelegt werden, auch wenn die Kategorien selbst erst im Materialdurchgang entstehen.

Die sechs Schritte im Überblick

  1. Thema und Forschungsfrage bestimmen: Legen Sie theoriegeleitet fest, welcher Aspekt des Materials überhaupt kategorisiert werden soll.
  2. Selektionskriterium festlegen: Definieren Sie, welche Textstellen für die Kategorienbildung relevant sind – nicht jede Aussage im Interview muss berücksichtigt werden.
  3. Abstraktionsniveau bestimmen: Entscheiden Sie, wie konkret oder abstrakt Ihre Kategorien sein sollen. Bleiben sie nah am Wortlaut oder abstrahieren sie stärker?
  4. Erster Materialdurchgang: Lesen Sie das Material und formulieren Sie für passende Textstellen neue Kategorien oder ordnen Sie sie vorhandenen zu.
  5. Revision nach 10–50 % des Materials: Überprüfen Sie nach einem Teilabschnitt, ob Ihre Kategorien konsistent und trennscharf sind. Überarbeiten Sie das System gegebenenfalls.
  6. Endgültiger Durchgang und Auswertung: Codieren Sie das gesamte Material mit dem revidierten Kategoriensystem und bereiten Sie die Ergebnisse auf.
Einfach erklärt Ein konkretes Beispiel: Untersuchen Sie Belastungsfaktoren von Lehramtsstudierenden im Referendariat, könnten aus dem Material heraus Kategorien wie Zeitmangel, schwieriges Klassenklima oder fehlende Unterstützung entstehen – ganz ohne dass Sie diese vorab theoretisch hergeleitet hätten.

Am Ende lassen sich die gebildeten Kategorien auch quantifizierend auswerten: Wie häufig taucht eine Kategorie auf? Wie viele befragte Personen äußern sich dazu? Das macht qualitative Befunde nachvollziehbarer und eröffnet Anknüpfungspunkte für die Ergebnisdarstellung. Mehr dazu, wie Sie qualitative Daten insgesamt strukturiert aufbereiten, lesen Sie in unserem Beitrag zum Thema Wie analysiert man qualitative Daten?

Deduktive Kategorienanwendung Schritt für Schritt

Bei der deduktiven Kategorienanwendung stehen Ihre Kategorien bereits vor der Codierung fest. Sie leiten sie aus theoretischen Konzepten, dem Forschungsstand oder dem Interviewleitfaden ab. Dieses Vorgehen entspricht bei Mayring der strukturierenden Inhaltsanalyse.

So gehen Sie vor

  1. Theoretische Vorarbeit: Identifizieren Sie relevante Konzepte aus Ihrer Literaturrecherche oder dem Interviewleitfaden, die als Kategorien operationalisiert werden können.
  2. Kategorien benennen und definieren: Formulieren Sie für jede Kategorie einen Namen und eine präzise Definition.
  3. Ankerbeispiele auswählen: Bestimmen Sie repräsentative Textstellen, die zeigen, was unter die Kategorie fällt.
  4. Kodierregeln festlegen: Definieren Sie Abgrenzungsregeln für Fälle, in denen eine Textstelle mehreren Kategorien zugeordnet werden könnte.
  5. Kodierleitfaden erstellen: Fassen Sie alle Elemente in einem Dokument zusammen.
  6. Materialdurchgang und Anpassung: Wenden Sie die Kategorien am Material an. Textstellen, die sich keiner Kategorie zuordnen lassen, können als Hinweis auf Lücken im System gewertet werden.

Deduktive Kategorien eignen sich besonders dann, wenn Interviews auf einer klaren theoretischen Vorstruktur beruhen – etwa wenn Ihr Leitfaden bereits spezifische Themenbereiche abgedeckt hat und Sie diese gezielt auswerten möchten.

Den Kodierleitfaden aufbauen

Ob induktiv oder deduktiv: Am Ende brauchen Sie immer einen Kodierleitfaden. Er ist das Herzstück Ihres Kategoriensystems und macht Ihre Analyse nachvollziehbar und intersubjektiv überprüfbar – ein zentrales Gütekriterium in der qualitativen Forschung.

Aufbau eines Kodierleitfadens

Ein vollständiger Eintrag im Kodierleitfaden enthält für jede Kategorie mindestens diese vier Elemente:

Elemente einer Kategorie im Kodierleitfaden

  • Kategoriename: Ein prägnanter, selbsterklärender Begriff (z. B. „Soziale Unterstützung“)
  • Definition: Eine klare Beschreibung, was unter diese Kategorie fällt – und was nicht
  • Ankerbeispiel: Eine konkrete Textstelle aus dem Material, die typisch für diese Kategorie ist
  • Kodierregel: Abgrenzungshinweise für Grenzfälle, insbesondere bei thematisch ähnlichen Kategorien

Ein Kodierleitfaden, der nur Kategoriename und Definition enthält, ist in der Regel nicht ausreichend. Fehlen Ankerbeispiele und Kodierregeln, werden verschiedene codierende Personen dasselbe Material unterschiedlich einordnen – und die Reliabilität Ihrer Auswertung leidet darunter erheblich.

Gut zu wissen Viele Hochschulen erwarten, dass der Kodierleitfaden entweder im Anhang der Abschlussarbeit dokumentiert oder auf Nachfrage vorgelegt werden kann. Er gilt als Nachweis methodischer Sorgfalt.

Qualität sichern: Revision, Pilotdurchgang und Intercoder-Reliabilität

Mayring betont ausdrücklich, dass Kategorien nicht nach dem ersten Durchgang feststehen. Sie werden im Materialdurchgang überprüft, überarbeitet und erst nach Pilotdurchgängen als ausreichend bewährt angesehen. Diese Rückkopplungsschleifen sind kein Zeichen von Unsicherheit, sondern methodisch geboten.

Pilotdurchgang

Wenden Sie Ihr Kategoriensystem zunächst auf einen Teil des Materials an – etwa 10 bis 20 % der Interviews. Prüfen Sie dabei:

  • Lassen sich alle relevanten Textstellen einer Kategorie zuordnen?
  • Gibt es Überschneidungen zwischen Kategorien?
  • Sind einzelne Kategorien leer oder kaum belegt?
  • Fehlen Kategorien für wichtige Inhalte?

Passen Sie das System anhand dieser Erkenntnisse an, bevor Sie das gesamte Material codieren.

Intercoder-Reliabilität

Wenn möglich, sollte ein Teil des Materials von einer zweiten Person unabhängig codiert werden. Der anschließende Abgleich zeigt, wie konsistent Ihr Kategoriensystem ist. Als Kennwert wird häufig Cohens Kappa verwendet; Werte ab 0,70 gelten in der qualitativen Forschung üblicherweise als akzeptabel. Auch wenn das bei Einzelarbeiten nicht immer machbar ist, sollten Sie in Ihrer Methodenbeschreibung darauf eingehen, wie Sie die Konsistenz Ihres Vorgehens sichergestellt haben.

Häufige Fehler bei der Kategorienbildung

In der Beratungspraxis zeigen sich immer wieder dieselben Schwachstellen – unabhängig davon, ob induktiv oder deduktiv gearbeitet wird:

Häufiger Fehler Kategorien werden zu allgemein formuliert (z. B. „Positive Aspekte“), sodass sehr unterschiedliche Textstellen darunter fallen. Trendige Sammelbegriffe ohne klare Definition machen eine reliable Codierung unmöglich. Formulieren Sie Kategorien lieber enger und fügen Sie bei Bedarf Subkategorien hinzu.
  • Fehlende Trennschärfe: Kategorien überlappen inhaltlich, sodass eine Textstelle mehreren Kategorien gleichzeitig zugeordnet werden könnte.
  • Kein Abstraktionsniveau festgelegt: Die Kategorien sind teilweise sehr nah am Wortlaut und teilweise stark abstrahiert – ohne dass das System das konsistent handhabt.
  • Keine Revision eingeplant: Das Kategoriensystem wird nach dem ersten Durchgang nicht überprüft, obwohl das Material neue Aspekte offenbart.
  • Kodierleitfaden unvollständig: Ankerbeispiele und Kodierregeln fehlen, sodass die Zuordnung von Grenzfällen willkürlich wirkt.
  • Zu viele Kategorien: Ein System mit 30 oder mehr Kategorien ist kaum handhabbar und deutet oft darauf hin, dass das Abstraktionsniveau zu niedrig gewählt wurde.

Die systematische qualitative Datenanalyse für Abschlussarbeiten erfordert gerade bei der Kategorienbildung methodische Sorgfalt – dieser Schritt ist keine Formalität, sondern das Fundament Ihrer gesamten Auswertung.

Fazit und nächste Schritte

Kategorien nach Mayring zu bilden bedeutet, einen strukturierten Prozess zu durchlaufen – unabhängig davon, ob Sie induktiv aus dem Material heraus oder deduktiv aus der Theorie heraus arbeiten. Entscheidend ist, dass Sie Selektionskriterium, Abstraktionsniveau und Kodierleitfaden sorgfältig dokumentieren und das Kategoriensystem vor dem endgültigen Durchgang revidieren.

Für Ihre Abschlussarbeit bedeutet das konkret:

  1. Klären Sie anhand Ihrer Forschungsfrage, ob ein induktives, deduktives oder kombiniertes Vorgehen sinnvoller ist.
  2. Legen Sie Abstraktionsniveau und Selektionskriterium schriftlich fest – bevor Sie das erste Transkript öffnen.
  3. Bauen Sie den Kodierleitfaden mit Definition, Ankerbeispiel und Kodierregel für jede Kategorie auf.
  4. Führen Sie einen Pilotdurchgang durch und passen Sie das System an.
  5. Dokumentieren Sie alle Schritte transparent in Ihrem Methodenteil.

Wer sich darüber hinaus fragt, wie der fertige Methodenteil dann formuliert werden soll, findet dazu praktische Hinweise in unserem Beitrag Wie schreibt man eine qualitative Analyse? Und wer noch am Anfang steht und einen Überblick über verschiedene qualitative Analyseverfahren sucht, kann dort einschätzen, ob die Inhaltsanalyse nach Mayring für die eigene Fragestellung überhaupt das geeignete Instrument ist.

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