Kann man Fragebogen qualitativ auswerten?
In diesem Beitrag
Ja – aber nur mit offenen Fragen
Ja, man kann Fragebögen qualitativ auswerten – allerdings betrifft das ausschließlich die offenen Fragen eines Fragebogens. Geschlossene Fragen mit vorgegebenen Antwortoptionen (z. B. Likert-Skalen, Ja/Nein-Fragen, Multiple Choice) liefern numerische Daten, die statistisch ausgewertet werden.
Offene Fragen hingegen erzeugen Freitext: Begründungen, Meinungen, Erfahrungsberichte. Diese Textantworten lassen sich mit qualitativen Verfahren systematisch analysieren – und genau das ist die Stärke einer gemischten Fragebogenkonstruktion.
Wann macht eine qualitative Auswertung Sinn?
Nicht jeder Fragebogen mit offenen Feldern braucht eine vollständige qualitative Analyse. Entscheidend ist, welche Erkenntnisse Sie anstreben.
- Sie wollen verstehen, warum: Zahlen zeigen, dass 70 % Ihrer Befragten unzufrieden sind. Offene Antworten erklären, womit genau.
- Sie erkunden ein neues Themenfeld: Wenn es wenig Vorwissen gibt oder das Phänomen bislang wenig erforscht ist, eignet sich eine induktive qualitative Analyse besonders gut.
- Sie möchten Hypothesen generieren: Qualitative Auswertungen von Fragebögen können als Grundlage für spätere quantitative Studien dienen.
- Sie haben eine überschaubare Stichprobe: Bei 20–50 Teilnehmenden mit ausführlichen Freitextantworten lohnt sich eine vertiefte Analyse statt einer bloßen Häufigkeitsauszählung.
Bei sehr großen Stichproben (mehrere hundert Antworten) stoßen rein qualitative Verfahren an praktische Grenzen. Hier bietet sich eine Kombination aus qualitativer Kategorienbildung und quantitativer Auszählung der Kategorien an – dazu später mehr.
Welche Methoden gibt es?
Für die qualitative Auswertung offener Fragebogenantworten haben sich drei Methoden in der wissenschaftlichen Praxis etabliert:
Qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring
Im deutschsprachigen Raum ist dies die am häufigsten verwendete Methode für Abschlussarbeiten und Dissertationen. Die qualitative Inhaltsanalyse ist eine systematische, regelgeleitete Textanalyse, die nachvollziehbare Kategorienbildung mit qualitativer Tiefe verbindet. Besonderer Wert wird auf Transparenz gelegt: Kategoriendefinitionen, Codierregeln und Ankerbeispiele werden schriftlich fixiert.
Sie eignet sich hervorragend, wenn Sie viele kurze bis mittellange Freitextantworten strukturiert auswerten wollen. Die Methode lässt sich sowohl induktiv (Kategorien entstehen aus dem Material) als auch deduktiv (Kategorien werden vorab festgelegt) anwenden. Eine ausführliche Erklärung des Ablaufs finden Sie im Beitrag Wie funktioniert die Auswertung nach Mayring?
Thematische Analyse nach Braun und Clarke
Die thematische Analyse ist international die meistzitierte qualitative Methode und gilt als besonders zugänglich für Forschende ohne tiefe qualitative Vorerfahrung. Sie ist theoretisch flexibel und eignet sich besonders dann, wenn offene Antworten auf Muster und Bedeutungen hin untersucht werden sollen, die nicht bloß aus Worthäufigkeiten bestehen.
Wichtig: Themen sind hier interpretierte Muster in Bezug auf die Forschungsfrage – keine bloße Sammlung häufiger Begriffe. Die Methode funktioniert gut, wenn die Freitexte etwas länger und inhaltlich reichhaltiger sind.
Qualitative Inhaltsanalyse (induktiv und deduktiv)
Unabhängig von einer bestimmten Schule lässt sich qualitative Inhaltsanalyse grundsätzlich in zwei Richtungen betreiben. Induktive Analyse empfiehlt sich, wenn das Vorwissen gering oder das Phänomen wenig erforscht ist; deduktive Analyse eignet sich, wenn eine bestehende Theorie geprüft oder Kategorien über mehrere Erhebungszeitpunkte verglichen werden sollen.
| Methode | Ansatz | Besonders geeignet für |
|---|---|---|
| Qualitative Inhaltsanalyse (Mayring) | Induktiv oder deduktiv | Viele kurze Antworten, DACH-Hochschulkontext |
| Thematische Analyse (Braun & Clarke) | Überwiegend induktiv | Längere Freitexte, internationale Publikationen |
| Deduktive Inhaltsanalyse | Deduktiv | Theorieprüfung, Zeitvergleiche |
Einen umfassenden Überblick zu qualitativen Verfahren bietet auch der Beitrag Welche Methoden gibt es für die qualitative Analyse?
Schritt für Schritt: So gehen Sie vor
Der Prozess unterscheidet sich je nach Methode im Detail, folgt aber einer gemeinsamen Grundlogik. Der folgende Ablauf orientiert sich an der thematischen Analyse und der qualitativen Inhaltsanalyse, da beide für Fragebogendaten gut geeignet sind.
Schritt 1: Material aufbereiten
Exportieren Sie die offenen Antworten aus Ihrem Erhebungstool (z. B. LimeSurvey, SoSci Survey, Google Forms) in ein lesbares Format. Ordnen Sie jede Antwort einer Fallnummer zu. Entfernen Sie keine Antworten, die Ihnen inhaltlich unwichtig erscheinen – das ist Ihre erste Interpretationsebene und sollte methodisch begründet sein.
Schritt 2: Vertraut werden mit dem Material
Lesen Sie alle Antworten mehrfach durch, bevor Sie mit dem Codieren beginnen. Notieren Sie erste Eindrücke und wiederkehrende Muster am Rand. Dieser Schritt klingt simpel, wird aber häufig übersprungen – und dann fehlt das Gesamtbild.
Schritt 3: Codes vergeben
Markieren Sie sinntragende Textabschnitte und versehen Sie diese mit einem Code – einem kurzen Label, das den Inhalt beschreibt. Codes können direkt aus dem Material entstehen (induktiv) oder auf Basis Ihres theoretischen Rahmens vorab festgelegt werden (deduktiv).
Schritt 4: Kategorien und Themen bilden
Gruppieren Sie ähnliche Codes zu übergeordneten Kategorien. Bei der thematischen Analyse werden diese Kategorien zu Themen verdichtet, die in direktem Bezug zur Forschungsfrage stehen. Definieren Sie jede Kategorie schriftlich und legen Sie Ankerbeispiele (repräsentative Originalzitate) fest.
Schritt 5: Kategorien prüfen und revidieren
Gehen Sie durch Ihr gesamtes Material noch einmal mit dem neuen Kategoriensystem durch. Passen alle Codes sinnvoll in die Kategorien? Gibt es Überlappungen? Fehlt eine Kategorie? Dieser Schritt ist iterativ – Überarbeitungen sind normal und methodisch erwünscht.
Schritt 6: Ergebnisse darstellen
Stellen Sie Ihre Kategorien mit erklärenden Beschreibungen und illustrierenden Originalzitaten dar. Zitate belegen Ihre Interpretation und machen die Auswertung für Lesende nachvollziehbar. Wenn sinnvoll, können Sie ergänzend angeben, wie viele Befragte einer Kategorie zugeordnet wurden – das öffnet die Tür zur Mixed-Methods-Kombination.
Qualitätskriterien für eine qualitative Fragebogenauswertung
- Kategoriendefinitionen sind schriftlich dokumentiert
- Für jede Kategorie existieren Ankerbeispiele (Originalzitate)
- Die Wahl zwischen induktivem und deduktivem Vorgehen ist im Methodenteil begründet
- Das Kategoriensystem wurde am Material überprüft und ggf. revidiert
- Bei mehreren Codierenden: Intercoder-Reliabilität wurde bestimmt
- Die Darstellung verbindet Kategorien mit der Forschungsfrage
Quantitative und qualitative Auswertung kombinieren
In der Praxis enthalten die meisten Fragebögen sowohl geschlossene als auch offene Fragen. Das ist kein methodischer Widerspruch – im Gegenteil: Die Kombination wird als Mixed-Methods-Design bezeichnet und gilt in vielen Fachbereichen als besonders erkenntnisreich.
Ein typisches Vorgehen in Abschlussarbeiten sieht so aus:
- Geschlossene Fragen (z. B. Likert-Skalen) werden statistisch ausgewertet: Häufigkeiten, Mittelwerte, ggf. Gruppenvergleiche.
- Offene Fragen werden qualitativ ausgewertet: Codierung, Kategorienbildung, Zitatenauswahl.
- Beide Teile werden im Ergebniskapitel aufeinander bezogen: Erklären die qualitativen Befunde, was die Zahlen zeigen?
Wenn Sie Ihren Fragebogen von Grund auf für eine solche Kombination planen möchten, lohnt sich ein Blick auf unsere Übersicht zur methodischen Unterstützung bei der Fragebogenerstellung – dort wird auch die Verzahnung von Skalendesign und offenem Freitextanteil besprochen.
Für die rein quantitative Seite der Auswertung – also sobald Sie geschlossene Fragen statistisch analysieren – bietet sich der Beitrag Wie kann man Fragebogen auswerten? als Einstieg an.
Typische Fehler bei der qualitativen Fragebogenauswertung
Gerade in Abschlussarbeiten begegnen dieselben Probleme immer wieder. Wer sie kennt, kann sie vermeiden.
Fehler 1: Keine Methodenbegründung
Viele Studierende schreiben „Die offenen Antworten wurden qualitativ ausgewertet“ – und erklären nicht, nach welchem Verfahren und warum. Prüfende erwarten eine konkrete Methodenbegründung: Warum induktiv und nicht deduktiv? Warum thematische Analyse und nicht Inhaltsanalyse nach Mayring? Diese Entscheidung muss im Methodenkapitel stehen.
Fehler 2: Kategorien ohne Definition
Ein Kategoriensystem ohne schriftliche Definitionen ist nicht nachvollziehbar. Was genau fällt unter „Kommunikationsprobleme“? Was nicht? Ohne klare Grenzen ist das Kategoriensystem nicht überprüfbar – und damit methodisch angreifbar.
Fehler 3: Keine exemplarischen Zitate
Qualitative Ergebnisse brauchen Belege aus dem Material. Wer nur schreibt „Viele Befragte äußerten Unzufriedenheit mit der Benutzeroberfläche“, ohne ein einziges Originalzitat zu liefern, macht seine Interpretation unüberprüfbar.
Fehler 4: Methodendokumentation fehlt
Wie wurden die Antworten exportiert? Wie viele Codierschritte gab es? Wurde das Kategoriensystem revidiert? In der Fachliteratur wird betont, dass Forschende transparent berichten sollen, wie sie analysiert haben und warum diese Vorgehensweise gewählt wurde. Dieser Punkt entscheidet in vielen Fachbereichen über die Qualitätsbewertung der Arbeit.
Fehler 5: Stichprobengröße nicht reflektiert
Qualitative Auswertung liefert bei 15 aussagekräftigen Freitextantworten andere Ergebnisse als bei 300 kurzen Stichwortnennungen. Reflektieren Sie im Methodenkapitel, welchen Stellenwert die offenen Antworten in Ihrer Gesamterhebung haben – und was das für die Aussagekraft der qualitativen Befunde bedeutet.
Wenn Sie unsicher sind, wie die Auswertung Ihres spezifischen Fragebogens methodisch am besten aufgestellt werden sollte, können Sie sich beim Fragebogen auswerten lassen von erfahrenen Methodikerinnen und Methodikern begleiten lassen.