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Wie funktioniert die Auswertung nach Mayring?

Qualitative Analyse · Maximilian Fuchs · 17. Mai 2026 · 10 Min. Lesezeit

Was ist die Auswertung nach Mayring?

Die Auswertung nach Mayring ist ein systematisches, regelgeleitetes Verfahren zur Analyse von Textmaterial. Es verbindet qualitative Interpretation mit nachvollziehbaren, dokumentierten Analyseschritten – und genau das macht es für Abschlussarbeiten so attraktiv.

Im Kern geht es darum, Texte nicht einfach zu lesen und Eindrücke zu schildern, sondern das Material anhand eines Kategoriensystems strukturiert zu bearbeiten. Die Methode ist ursprünglich aus der quantitativen Inhaltsanalyse heraus entwickelt worden, wurde aber für qualitative Forschungsfragen geöffnet. Das Ergebnis ist ein Verfahren, das qualitative Interpretation mit kontrollierten, überprüfbaren Auswertungsschritten verbindet.

Für Studierende bedeutet das: Sie können im Methodenteil ihrer Arbeit einen klaren, begründeten Ablauf vorweisen – von der Fragestellung über die Kategorienbildung bis zur Ergebnisdarstellung.

Gut zu wissen Die qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring ist keine freie Interpretation. Sie arbeitet mit definierten Kategorien, Kodierregeln und Ankerbeispielen – und verlangt eine lückenlose Dokumentation aller Analyseschritte.

Die drei Grundformen: Zusammenfassung, Explikation, Strukturierung

Mayring unterscheidet drei Grundformen der qualitativen Inhaltsanalyse, aus denen Sie je nach Forschungsfrage wählen. Das Verständnis dieser drei Varianten ist der erste wichtige Schritt vor jeder Auswertung.

Zusammenfassung

Das Material wird auf seinen wesentlichen Gehalt reduziert. Unwichtige oder doppelte Aussagen werden gestrichen, ähnliche Aussagen werden gebündelt. Das Ziel: ein überschaubares Abbild des Ausgangsmaterials, das trotzdem alle zentralen Inhalte enthält.

Diese Form eignet sich besonders, wenn Sie aus großen Textmengen – etwa vielen Interviewtranskripten – die Kerninhalte herausarbeiten wollen, ohne das Material zu zergliedern.

Explikation

Unklare oder vieldeutige Textstellen werden mithilfe von Kontextmaterial erläutert. Dabei unterscheidet Mayring enge Kontextanalyse (direktes Textumfeld) und weite Kontextanalyse (Hintergrundwissen, andere Quellen). Diese Grundform wird seltener eingesetzt, ist aber relevant, wenn Aussagen ohne Kontextwissen nicht verständlich sind.

Strukturierung

Die Strukturierung ist die in Abschlussarbeiten am häufigsten verwendete Grundform. Dabei werden vorab definierte Kategorien gebildet und das Material wird diesen Kategorien systematisch zugeordnet. Mayring unterscheidet dabei:

  • Formale Strukturierung: Analyse nach formalen Gesichtspunkten (z. B. Themenblöcke)
  • Inhaltliche Strukturierung: Extraktion und Aufbereitung bestimmter Themen
  • Typisierende Strukturierung: Identifikation besonders markanter Fälle
  • Skalierende Strukturierung: Einschätzung des Materials auf einer Skala

Für die meisten Forschungsfragen in Psychologie, Sozialwissenschaften oder Erziehungswissenschaften ist die inhaltliche Strukturierung das Mittel der Wahl.

Der Ablauf der Mayring-Auswertung Schritt für Schritt

Die Stärke von Mayrings Ansatz liegt in seiner klaren Ablaufstruktur. Kein Schritt bleibt dem Zufall überlassen – jede Entscheidung wird begründet und dokumentiert. Der folgende Ablauf gilt für die strukturierende Inhaltsanalyse, die in der Praxis am häufigsten eingesetzt wird.

Schritt 1: Fragestellung und Theoriebezug klären

Bevor Sie eine einzige Textstelle codieren, müssen Sie Ihre Forschungsfrage präzise formulieren und theoretisch einbetten. Das Kategoriensystem, das Sie später entwickeln, hängt direkt davon ab, was Sie im Material suchen.

Schritt 2: Materialauswahl und Kommunikationskontext bestimmen

Welches Material wird analysiert? Wer hat es produziert, unter welchen Bedingungen, mit welcher Absicht? Diese Fragen sind nicht trivial: Das Material muss in seinen Kommunikationskontext eingeordnet werden, bevor die eigentliche Analyse beginnt.

Schritt 3: Analyseeinheiten festlegen

Mayring unterscheidet drei Analyseeinheiten, die Sie vorab definieren müssen:

  • Kodiereinheit: Was ist der kleinste Textabschnitt, der einer Kategorie zugeordnet werden kann?
  • Kontexteinheit: Was ist der größte Abschnitt, der zu einer Kategorie gehören darf?
  • Auswertungseinheit: In welcher Reihenfolge wird das Material bearbeitet?

Schritt 4: Kategoriensystem entwickeln

Dies ist der methodische Kern der Auswertung. Je nach gewähltem Ansatz (induktiv oder deduktiv – dazu mehr im nächsten Abschnitt) werden Kategorien entweder aus dem Material heraus entwickelt oder vorab theoriegeleitet festgelegt. Jede Kategorie braucht eine Definition, ein Ankerbeispiel und eine Kodierregel.

Schritt 5: Codierung des Materials

Das gesamte Material wird nun systematisch mit dem Kategoriensystem bearbeitet. Textstellen werden den passenden Kategorien zugeordnet. Stellen, die keiner Kategorie entsprechen, können Hinweis auf eine notwendige Kategorienerweiterung sein.

Schritt 6: Überarbeitung und Revision des Kategoriensystems

Nach einem ersten Durchgang wird das Kategoriensystem kritisch geprüft: Überlappen sich Kategorien? Fehlen Kategorien? Sind die Definitionen trennscharf? Danach folgt ein zweiter vollständiger Codierdurchgang mit dem überarbeiteten System.

Schritt 7: Ergebnisdarstellung und Interpretation

Die codierten Textstellen werden pro Kategorie zusammengeführt, inhaltlich beschrieben und interpretiert. Hier fließt die theoretische Einbettung aus Schritt 1 wieder ein – die Befunde werden im Licht der Forschungsfrage diskutiert.

Einfach erklärt Stellen Sie sich das Kategoriensystem wie ein Raster vor, das Sie über Ihren Text legen. Jede Textstelle, die durch das Raster „passt“, wird dokumentiert und zugeordnet. Am Ende haben Sie kein subjektives Bild, sondern ein nachvollziehbares Muster.

Induktive vs. deduktive Kategorienbildung

Eine der wichtigsten Entscheidungen vor der Auswertung: Entwickeln Sie Ihre Kategorien aus dem Material heraus (induktiv) oder leiten Sie sie aus bestehender Theorie ab (deduktiv)?

Induktive vs. deduktive Kategorienbildung im Vergleich
Merkmal Induktiv Deduktiv
Ausgangspunkt Das Textmaterial selbst Bestehende Theorie oder Konzepte
Kategorienentwicklung Schrittweise aus dem Material Vorab aus der Literatur
Offenheit Hoch – Überraschendes möglich Begrenzt – Fokus vorab definiert
Geeignet wenn Wenig Vorwissen, explorative Fragen Klares Theoriemodell vorhanden
Typische Anwendung Erstmalige Erforschung eines Themas Hypothesenüberprüfung, Modellvalidierung

Besonders die induktive Kategorienbildung ist methodisch anspruchsvoll: Kategorien werden aus dem Material entwickelt, an Ankerbeispielen geprüft und in Kodierregeln übersetzt – bevor das gesamte Material erneut systematisch codiert wird. Das induktive Verfahren verlangt dabei die Prüfung an Ankerbeispielen und deren Übersetzung in dokumentierte Kodierregeln, bevor der zweite Codierdurchgang beginnt.

In der Praxis vieler Abschlussarbeiten werden beide Ansätze kombiniert: Ein deduktives Grundgerüst aus der Theorie wird induktiv durch Kategorien aus dem Material ergänzt. Das ist methodisch legitim – solange diese Entscheidung transparent begründet wird.

Welches Material lässt sich nach Mayring auswerten?

Mayring eignet sich für eine breite Palette von Textmaterial, das in sozialwissenschaftlichen Projekten anfällt. Das Verfahren ist grundsätzlich für alle Texte geeignet, bei denen eine regelgeleitete, kategorienbasierte Analyse sinnvoll ist.

In der Praxis wird es häufig auf folgende Materialtypen angewendet, etwa Interviewtranskripte, Fokusgruppen, offene Fragebogenantworten, Beobachtungsprotokolle, Dokumente oder Internetmaterial:

  • Leitfadeninterviews und Experteninterviews (transkribiert)
  • Gruppeninterviews und Fokusgruppen
  • Offene Antworten aus Fragebögen
  • Beobachtungsprotokolle und Feldnotizen
  • Dokumente, Berichte, Lehrpläne, Protokolle
  • Medientexte, Social-Media-Inhalte, Foren

Entscheidend ist nicht die Textart an sich, sondern dass Sie vorab klären: Welche Informationen soll die Analyse aus diesem Material herausarbeiten? Das bestimmt sowohl die Wahl der Grundform als auch die Struktur des Kategoriensystems.

Wer mehr darüber erfahren möchte, wann die qualitative Inhaltsanalyse methodisch die richtige Wahl ist, findet in unserem Artikel konkrete Entscheidungskriterien für verschiedene Forschungskontexte.

Gütekriterien und Dokumentation

Ein häufiges Missverständnis: Qualitative Forschung brauche keine Gütekriterien. Das Gegenteil ist richtig – gerade weil qualitative Analyse subjektive Urteile beinhaltet, ist deren Überprüfbarkeit besonders wichtig.

Mayring benennt explizit Gütekriterien, die für die Auswertung verbindlich sind. Dazu zählen Regelgeleitetheit, Nähe zum Gegenstand, kommunikative Validierung und Triangulation. Das bedeutet: Eine Mayring-Auswertung ist kein „Themen sammeln“, sondern ein dokumentiertes Analyseverfahren mit überprüfbaren Entscheidungen.

Intercoder-Reliabilität

Besonders in Abschlussarbeiten wird häufig gefordert, die Codierung durch eine zweite Person zu überprüfen. Dabei wird ein Teil des Materials von zwei Personen unabhängig codiert und die Übereinstimmung berechnet. Ein gängiges Maß ist Cohens Kappa. Die 6 Gütekriterien nach Mayring sind in unserem separaten Beitrag ausführlich erläutert.

Dokumentationspflicht

Alle Entscheidungen im Analyseprozess müssen nachvollziehbar festgehalten werden:

  • Begründung der Materialauswahl
  • Herleitung des Kategoriensystems
  • Definitionen, Ankerbeispiele und Kodierregeln für jede Kategorie
  • Protokoll über Änderungen am Kategoriensystem
  • Angaben zur Intercoder-Reliabilität

In der Praxis wird diese Dokumentation oft unterschätzt. Sie ist aber entscheidend, wenn Prüfende oder Gutachtende die Nachvollziehbarkeit der Analyse beurteilen.

Abgrenzung zu anderen Methoden

Mayring wird manchmal mit anderen qualitativen Auswertungsverfahren verwechselt oder gleichgesetzt. Eine klare Abgrenzung hilft, das eigene methodische Vorgehen präzise zu begründen.

Mayring vs. Grounded Theory

Grounded Theory zielt auf die Entwicklung einer gegenstandsbezogenen Theorie und arbeitet mit einem offeneren, zirkulären Prozess aus Datenerhebung und Auswertung. Mayring hingegen ist stärker regelgeleitet, kategorial und dokumentationsorientiert und eignet sich besonders dann, wenn kein neues Theoriemodell angestrebt wird, sondern eine systematische Strukturierung des Materials. Diese Abgrenzung wird in der Fachliteratur klar herausgearbeitet: Qualitative Inhaltsanalyse arbeitet regelgeleitet und kategorial, während Grounded Theory auf zirkuläre Theorieentwicklung setzt.

Mayring vs. freie Textinterpretation

Die Auswertung nach Mayring ist explizit keine freie, intuitive Interpretation. Wer Interviewaussagen lediglich paraphrasiert und kommentiert, ohne ein Kategoriensystem zu entwickeln, betreibt keine Mayring-Analyse – auch wenn er das so benennt. Gutachtende bemerken diesen Unterschied.

Mayring und Mixed Methods

Ein besonderer Vorzug des Verfahrens: Es ist anschlussfähig an quantitative Auswertungslogiken. Kategorien können ausgezählt, Häufigkeiten verglichen oder mit quantitativen Variablen verknüpft werden. Das macht Mayring zu einem wertvollen Bestandteil von Mixed-Methods-Designs. Wer mehr über die methodischen Grundlagen erfahren möchte, findet einen guten Überblick im Artikel zur qualitativen Auswertung.

Mayring in der Abschlussarbeit: Was konkret zu tun ist

Wie sieht die Auswertung nach Mayring nun ganz konkret in einer Bachelor- oder Masterarbeit aus? Die folgende Checkliste fasst zusammen, was Sie im Methodenteil und in der Auswertung sicherstellen müssen.

Checkliste: Mayring-Auswertung in der Abschlussarbeit

  • Forschungsfrage präzise formuliert und theoretisch eingebettet
  • Materialauswahl begründet und Kommunikationskontext beschrieben
  • Analyseeinheiten (Kodier-, Kontext-, Auswertungseinheit) definiert
  • Grundform der Inhaltsanalyse gewählt und begründet (Zusammenfassung, Explikation, Strukturierung)
  • Induktive oder deduktive Kategorienbildung entschieden und begründet
  • Kategoriensystem mit Definitionen, Ankerbeispielen und Kodierregeln dokumentiert
  • Erster Codierdurchgang abgeschlossen, Kategoriensystem revidiert
  • Zweiter Codierdurchgang mit überarbeitetem System
  • Intercoder-Reliabilität überprüft und berichtet
  • Ergebnisse kategorienweise dargestellt und interpretiert

Die Auswertung nach Mayring ist aufwändig – besonders der Aufbau und die Revision des Kategoriensystems kosten Zeit. Wer wissen möchte, wie lang die qualitative Inhaltsanalyse realistischerweise dauert, findet in unserem Beitrag zur Zeitplanung für die qualitative Inhaltsanalyse eine realistische Einschätzung.

Für Abschlussarbeiten gilt außerdem: Das Verfahren muss im Methodenteil nicht nur beschrieben, sondern begründet werden. Warum Mayring? Warum diese Grundform? Warum induktiv oder deduktiv? Diese Begründungen sind für Gutachtende genauso wichtig wie die korrekte Durchführung.

Häufiger Fehler Viele Studierende beschreiben Mayrings Methode im Theorieteil korrekt, wenden sie in der tatsächlichen Auswertung aber nicht konsequent an. Typisch: kein dokumentiertes Kategoriensystem, fehlende Ankerbeispiele, keine Intercoder-Reliabilität. Gutachtende erkennen diesen Bruch zwischen Theorie und Praxis schnell.

Wenn Sie unsicher sind, ob Ihr Kategoriensystem methodisch tragfähig ist oder wie Sie die Ergebnisse korrekt darstellen, unterstützt das Team von QuantExpert bei der qualitativen Datenanalyse – von der Kategoriensystementwicklung bis zur Ergebnisinterpretation. Eine Einschätzung zu Ihrem konkreten Vorgehen erhalten Sie in einem unverbindlichen Erstgespräch.

Eine ausführliche Schritt-für-Schritt-Anleitung zur gesamten Durchführung der qualitativen Inhaltsanalyse finden Sie in unserem weiterführenden Beitrag, der den Prozess von der Transkription bis zur Ergebnisdarstellung vollständig begleitet.

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