Wie lange dauert die Auswertung von Interviews?
In diesem Beitrag
- Die kurze Antwort: Was Sie sofort wissen müssen
- Interviewauswertung ist kein einzelner Schritt
- Wie lange dauert das Codieren konkret?
- Welche Faktoren beeinflussen die Dauer?
- Ein realistischer Zeitplan für Ihre Abschlussarbeit
- Kann Software die Auswertung beschleunigen?
- Fazit: So planen Sie ausreichend Zeit ein
Die kurze Antwort: Was Sie sofort wissen müssen
Die Auswertung von Interviews dauert deutlich länger, als die meisten Studierenden erwarten. Als grobe Orientierung können Sie mit dem Drei- bis Fünffachen der reinen Interviewzeit rechnen – und das schließt noch nicht einmal das Schreiben des Ergebnisteils ein.
Für eine Bachelorarbeit mit sechs bis acht Interviews à 45 Minuten sollten Sie realistisch drei bis sechs Wochen für den gesamten Auswertungsprozess einplanen. Bei einer Masterarbeit mit mehr Material entsprechend mehr. Diese Zahlen erschrecken zunächst – sind in der Praxis aber gut begründet, wie die folgende Aufschlüsselung zeigt.
Interviewauswertung ist kein einzelner Schritt
Ein häufiges Missverständnis: Viele Studierende setzen „Auswertung“ mit „Codieren“ gleich. Tatsächlich umfasst die qualitative Interviewauswertung jedoch mehrere aufeinander aufbauende Arbeitsblöcke.
In der Methodenliteratur wird beschrieben, dass Analyse bereits weit vor dem eigentlichen Codieren beginnt – nämlich mit Transkription, intensivem Lesen, Memoschreiben, der Entwicklung eines Codesystems und schließlich der Interpretation und dem Verfassen der Ergebnisse. Qualitative Auswertung umfasst damit mehrere klar unterscheidbare Phasen, die alle in die Zeitplanung einfließen müssen.
Die wichtigsten Phasen im Überblick
- Transkription: Verschriftlichung der Audioaufnahmen (manuell oder automatisch mit Korrektur)
- Familiarisierung: Intensives Lesen der Transkripte, erste Notizen und Memos
- Entwicklung des Codesystems: Kategorien bilden, strukturieren, abstimmen
- Codierung: Textstellen systematisch Codes zuweisen
- Überarbeitung: Codes anpassen, zusammenführen, ausdifferenzieren
- Interpretation und Fallvergleich: Muster erkennen, Kategorien verdichten
- Schreiben der Ergebnisse: Befunde strukturiert darstellen und belegen
Wie lange dauert das Codieren konkret?
Zum Glück gibt es dazu inzwischen belastbare empirische Daten. In einer 2025 veröffentlichten methodologischen Studie wurden 94 semistrukturierte Interviews mit einer Gesamtdauer von rund 53 Stunden fokussiert codiert. Das Ergebnis: das Verhältnis von Codierzeit zu Interviewdauer lag im Durchschnitt bei 0,99 – fokussiertes Codieren dauerte also etwa so lange wie das Interview selbst.
Konkret bedeutet das: Für ein 45-minütiges Interview können Sie mit rund 30 bis 70 Minuten reiner Codierzeit rechnen. Die Bandbreite ist dabei erheblich – das Verhältnis schwankte in der Studie zwischen 0,75 und 1,52, je nach Projekt, Forschungsfrage und Erfahrung der codierenden Person.
Was diese Zahlen für Ihre Planung bedeuten
Wenn Sie acht Interviews à 45 Minuten auswerten, kalkulieren Sie allein für das Codieren ungefähr sechs bis zehn Stunden. Hinzu kommen die übrigen Phasen – und das ist der Punkt, an dem viele Zeitpläne ins Wanken geraten. Die genannte Studie weist ausdrücklich darauf hin, dass Planung von Datenzusammensetzung, Forschungsziel, Detailtiefe, Methode und Vorerfahrung abhängt – nicht allein von der Interviewanzahl.
Welche Faktoren beeinflussen die Dauer?
Keine zwei Qualifikationsarbeiten sind gleich. Die tatsächliche Auswertungsdauer hängt von einer Reihe von Variablen ab, die Sie kennen sollten, bevor Sie Ihren Zeitplan aufstellen.
| Faktor | Kürzere Dauer | Längere Dauer |
|---|---|---|
| Interviewlänge | 15–30 Minuten | 60–90 Minuten |
| Anzahl Interviews | 4–6 | 12–20+ |
| Auswertungsmethode | Fokussierte Analyse, Inhaltsanalyse | Grounded Theory, Diskursanalyse |
| Erfahrung mit qualitativer Methodik | Vorerfahrung vorhanden | Erste qualitative Arbeit |
| Transkriptionsweg | Automatisch + Korrektur | Vollständig manuell |
| Detailtiefe der Codierung | Grobe Kategorien | Mehrere Hierarchieebenen |
| Teamarbeit | Allein, klare Struktur | Abstimmung im Team nötig |
Besonders der Transkriptionsaufwand wird systematisch unterschätzt. Automatische Transkription kann zwar Rohtranskripte schnell erzeugen, der anschließende Korrekturaufwand variiert aber stark nach Audioqualität, Fachterminologie und erforderlicher Genauigkeit – und muss in jedem Fall eingeplant werden.
Auch die Wahl der Auswertungsmethode für Interviews ist entscheidend: Eine qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring folgt einem anderen Zeitrhythmus als eine Grounded-Theory-Analyse mit theoretischem Sampling.
Ein realistischer Zeitplan für Ihre Abschlussarbeit
Die folgende Übersicht gibt Ihnen Orientierungswerte für typische Abschlussarbeiten. Beachten Sie: Diese Zahlen gehen von einzeln arbeitenden Studierenden aus und setzen voraus, dass die Transkripte bereits vorliegen.
Bachelorarbeit (5–8 Interviews, je 30–45 Minuten)
- Transkription und Korrektur: 4–10 Stunden
- Lesen, Memos, Familiarisierung: 3–5 Stunden
- Codesystem entwickeln und codieren: 6–12 Stunden
- Überarbeitung, Interpretation: 4–8 Stunden
- Ergebnisse schreiben: 6–12 Stunden
- Gesamt: ca. 23–47 Stunden → 3–6 Wochen bei 8–10 h/Woche
Masterarbeit (10–15 Interviews, je 45–60 Minuten)
- Transkription und Korrektur: 10–20 Stunden
- Lesen, Memos, Familiarisierung: 6–10 Stunden
- Codesystem entwickeln und codieren: 15–25 Stunden
- Überarbeitung, Interpretation: 8–15 Stunden
- Ergebnisse schreiben: 10–20 Stunden
- Gesamt: ca. 49–90 Stunden → 6–12 Wochen bei 8–10 h/Woche
Kann Software die Auswertung beschleunigen?
MAXQDA und vergleichbare QDA-Programme beschleunigen die Auswertung nicht grundsätzlich – aber sie machen den Prozess strukturierter, nachvollziehbarer und weniger fehleranfällig. Wer Interviews mit MAXQDA auswertet, profitiert vor allem davon, dass Codierungen, Memos, Fallübersichten und Visualisierungen an einem Ort zusammengeführt werden.
Konkrete Zeitersparnisse entstehen durch:
- Automatische Transkription direkt in der Software (mit anschließender Korrektur)
- Schnelles Retrieval aller Textstellen zu einem Code
- Visualisierungen wie Code-Matrix oder Kreuztabellen, die den Fallvergleich erleichtern
- Memostruktur, die Interpretationsschritte dokumentiert und damit das Schreiben beschleunigt
Wenn Sie noch nicht mit MAXQDA vertraut sind: Der initiale Lernaufwand hält sich in Grenzen. Mehr dazu erfahren Sie in unserem Beitrag zur Frage, ob MAXQDA leicht zu erlernen ist. Einen Überblick über den gesamten Auswertungsprozess in der Software bietet der Artikel Wie kann ich Interviews mit MAXQDA auswerten?
Wer unsicher ist, welche Software am besten zur eigenen Arbeit passt, findet in unserem Überblick zu den kostenlosen Alternativen zu MAXQDA eine hilfreiche Orientierung.
Auch die Transkription lässt sich mit der richtigen Lösung beschleunigen. MAXQDA bietet hier eigene Funktionen – wie gut diese tatsächlich sind, wird im Beitrag zur Transkriptionsqualität in MAXQDA ausführlich besprochen.
Fazit: So planen Sie ausreichend Zeit ein
Die Auswertung von Interviews dauert in aller Regel länger als erwartet – das ist keine Ausnahme, sondern die Regel. Entscheidend ist, dass Sie den Prozess von Anfang an als mehrstufige Arbeit verstehen, nicht als einmaligen Codiervorgang.
Ihre Checkliste für eine realistische Zeitplanung
- Transkriptionszeit und -korrektur separat einplanen (nicht Teil der Codierzeit)
- Für das Codieren ca. 1× Interviewdauer als Mindestzeit ansetzen
- Mindestens 1–2 Überarbeitungsrunden des Codesystems einkalkulieren
- Zeit für Memos und Interpretationsnotizen reservieren
- Ergebnisschreiben als eigenständigen Block behandeln
- Puffer für Rückmeldungen der Betreuenden einbauen
- Gesamtdauer bei Bachelorarbeit: mind. 3 Wochen, bei Masterarbeit: mind. 6 Wochen
Wenn Sie bei der methodischen Planung oder Durchführung Ihrer qualitativen Auswertung Unterstützung benötigen, bietet professionelle MAXQDA-Beratung eine strukturierte Begleitung – von der Entwicklung des Codesystems über die Codierung bis zur Interpretation Ihrer Ergebnisse.