Ist der p-Wert von 0,055 signifikant?
In diesem Beitrag
Die kurze Antwort: formal nicht signifikant
Ein p-Wert von 0,055 ist bei einem vorab festgelegten Signifikanzniveau von formal nicht signifikant. Er liegt knapp oberhalb der konventionellen Grenze – und genau das macht ihn zu einem der häufigsten Grenzfälle in empirischen Abschlussarbeiten.
Die Antwort lautet damit: Nein, streng genommen nicht. Aber dieser eine Satz greift deutlich zu kurz, wenn Sie Ihren Ergebnisteil damit beenden. Was p = 0,055 wirklich bedeutet – und wie Sie es korrekt berichten – erläutern die folgenden Abschnitte.
Was der p-Wert eigentlich aussagt
Bevor die Frage nach 0,055 sinnvoll beantwortet werden kann, lohnt ein kurzer Blick darauf, was ein p-Wert überhaupt misst. Viele Studierende gehen davon aus, er gebe die Wahrscheinlichkeit an, dass ihre Hypothese wahr oder falsch ist. Das ist ein verbreitetes Missverständnis.
In der Fachsprache ist der p-Wert ein Maß für die Verträglichkeit der Daten mit dem statistischen Modell unter der Annahme der Nullhypothese. Diese Unterscheidung ist keine Haarspalterei: Sie hat direkte Konsequenzen dafür, wie Sie ein Ergebnis von 0,055 einordnen und eine Interpretation Ihrer Ergebnisse formulieren.
Formale Entscheidungsregel
Das Signifikanzniveau wird dabei vor der Datenerhebung festgelegt und beträgt in den meisten sozialwissenschaftlichen und psychologischen Studien 0,05. Was es genau bedeutet, diesen Schwellenwert zu wählen, erläutert unser Beitrag zum Signifikanzniveau von 0,05.
p = 0,055 als Grenzfall – warum das keine Katastrophe ist
Hier liegt das eigentliche Problem mit einer rein dichotomen Entscheidung. Ein p-Wert von 0,049 gilt als signifikant, 0,055 nicht. Dabei ist der Unterschied in der statistischen Evidenz minimal – und eine kleine Änderung in Stichprobengröße, Messgenauigkeit oder Modellspezifikation kann ein Ergebnis von 0,049 auf 0,055 verschieben, ohne dass sich die zugrundeliegende Realität verändert hat.
Genau vor dieser Falle warnt ein vieldiskutierter Kommentar aus Nature: Die Dichotomie „signifikant“ versus „nicht signifikant“ behandelt Ergebnisse knapp ober- und unterhalb eines Schwellenwerts künstlich unterschiedlich. Stattdessen wird empfohlen, Unsicherheit direkt zu berichten und die Spannbreite plausibler Effektgrößen zu diskutieren, anstatt eine harte Grenze als Wahrheitskriterium zu verwenden.
Was p = 0,055 nicht bedeutet
- Es bedeutet nicht, dass kein Effekt vorhanden ist.
- Es bedeutet nicht, dass Ihre Hypothese widerlegt wurde.
- Es bedeutet nicht, dass Ihre Studie gescheitert ist.
- Es bedeutet nicht, dass ein Ergebnis von p = 0,049 inhaltlich aussagekräftiger wäre.
Was p = 0,055 tatsächlich bedeutet
Unter der Annahme der Nullhypothese wäre das beobachtete Ergebnis (oder ein noch extremeres) in 5,5 % aller denkbaren Stichproben zu erwarten. Das überschreitet das vorab gewählte Alpha knapp – mehr nicht. Die wissenschaftliche Stellungnahme der American Statistical Association macht deutlich, dass wissenschaftliche Schlussfolgerungen nicht allein davon abhängen sollten, ob ein p-Wert eine feste Grenze unterschreitet.
Kurzum: p = 0,055 ist ein grenznahes Ergebnis, das als solches transparent berichtet werden sollte – nicht als Beweis für Nichts und nicht als verstecktes Signifikanzergebnis.
Was Sie zusätzlich berichten sollten
Ein p-Wert allein ist keine vollständige Ergebnisdarstellung. Das gilt für p = 0,03 genauso wie für p = 0,055. In der Methodenliteratur wird durchgängig empfohlen, weitere Kennwerte anzugeben, die gemeinsam ein vollständiges Bild ergeben.
| Kennwert | Warum wichtig bei p = 0,055? |
|---|---|
| Effektgröße (z. B. Cohens d, η²) | Zeigt, ob ein Effekt praktisch relevant ist – unabhängig vom p-Wert |
| Konfidenzintervall (95 %) | Zeigt die Spannbreite plausibler Effekte; schließt es 0 aus, ist das informativ |
| Stichprobengröße (N) | Kleine Stichproben führen häufig zu grenznahen p-Werten bei echter Wirkung |
| Teststärke / Power | Geringe Power erhöht die Wahrscheinlichkeit, echte Effekte knapp zu verpassen |
| Vorab definiertes α | Muss explizit genannt sein, damit die Entscheidung nachvollziehbar ist |
Gerade das Konfidenzintervall ist bei grenznahen Ergebnissen besonders aufschlussreich. Wenn das 95-%-Konfidenzintervall den Wert null nur knapp einschließt oder gar ausschließt, ist das eine wichtige Zusatzinformation. Die einschlägige Methodenliteratur empfiehlt daher, Ergebnisse als kontinuierliche Evidenz zu verstehen und nicht als dichotome Entscheidung entlang einer willkürlichen Grenze.
Wer sich fragt, welches Signifikanzniveau in der eigenen Arbeit das richtige ist, findet dazu einen ausführlicheren Überblick im Beitrag Welches Signifikanzniveau ist besser, 0,01 oder 0,05?
So formulieren Sie p = 0,055 in Ihrer Arbeit
Das ist in der Praxis die entscheidende Frage: Wie schreibe ich das in meinen Ergebnisteil, ohne es zu beschönigen oder übermäßig abzuwerten? Hier sind konkrete Formulierungsbeispiele.
Musterformulierungen für den Ergebnisteil
Neutral und korrekt (empfohlen):
„Der Gruppenunterschied erreichte mit p = .055 das vorab festgelegte Signifikanzniveau von α = .05 knapp nicht (t(58) = 1,97, d = 0,51, 95 %-KI [−0,02; 1,04]). Die Effektgröße deutet auf einen mittleren Effekt hin.“
Mit expliziter Einordnung (ebenfalls korrekt):
„Das Ergebnis verfehlte das Signifikanzniveau knapp (p = .055, α = .05) und ist damit statistisch nicht signifikant. Angesichts der mittleren Effektgröße (d = 0,51) und der relativ kleinen Stichprobe (N = 60) kann ein Effekt jedoch nicht ausgeschlossen werden.“
Hinweise dazu, wie statistische Ergebnisse generell korrekt in den Text eingebettet werden, finden Sie im Beitrag Wie schreibt man statistische Ergebnisse auf? Wer darüber hinaus eine vollständige Anleitung für den Ergebnisteil sucht, findet auf der Seite zur Interpretation und Verschriftlichung statistischer Ergebnisse einen strukturierten Überblick.
Berichtsstil nach APA (7. Auflage)
Im APA-Format werden p-Werte ohne führende Null angegeben: p = .055 (nicht: p = 0,055). Werte unterhalb von .001 werden als p < .001 berichtet. Weitere Kennwerte wie Teststatistik, Freiheitsgrade und Effektgröße gehören in dieselbe Klammer.
Checkliste: Was gehört in den Ergebnisteil bei p = .055?
- Vorab festgelegtes Signifikanzniveau (α = .05) explizit nennen
- Exakten p-Wert berichten (nicht: „p > .05″ oder „n.s.“)
- Teststatistik und Freiheitsgrade angeben (z. B. t(58) = 1,97)
- Effektgröße mit Kennwert und Interpretation (klein / mittel / groß)
- 95-%-Konfidenzintervall des Effekts
- Stichprobengröße (N)
- Sachliche Einordnung des Grenzfalls in der Diskussion
Häufige Fehler bei der Interpretation
Grenznahe p-Werte provozieren typische Interpretationsfehler, die sich in Abschlussarbeiten immer wieder finden. Die folgende Übersicht zeigt, was zu vermeiden ist – und warum.
„p = 0,055 zeigt, dass kein Effekt vorhanden ist“
Das ist falsch. Ein nicht signifikantes Ergebnis ist kein Beweis für die Nullhypothese. Insbesondere bei kleinen Stichproben oder geringer Power kann ein echter Effekt übersehen werden. Mehr dazu, welche Methoden zur Interpretation von Testergebnissen zur Verfügung stehen, zeigt unser weiterführender Beitrag.
„Bei alpha = 0,10 wäre das Ergebnis signifikant“
Das Signifikanzniveau wird vorab festgelegt – eine nachträgliche Anpassung, um ein gewünschtes Ergebnis zu erzielen, ist methodisch nicht zulässig und kann als Ergebnismanipulation gewertet werden. Wenn Sie α = 0,10 nutzen möchten, muss das in Ihrer Methodik begründet und vor der Auswertung dokumentiert sein.
„p = 0,055 bedeutet, der Effekt ist zu 94,5 % real“
Auch das ist eine klassische Fehlinterpretation. Der p-Wert ist keine Wahrscheinlichkeit für die Richtigkeit einer Hypothese. Wer Daten korrekt interpretieren will, muss diese Verwechslung konsequent vermeiden.
Abschließend lässt sich festhalten: p = 0,055 ist kein Versagen und kein Freifahrtschein. Es ist ein Ergebnis, das transparent, vollständig und sachlich berichtet werden will – mit allen relevanten Begleitinformationen. Wie das im größeren Kontext einer statistischen Auswertung eingebettet wird, zeigt unser Beitrag zum Thema Statistische Ergebnisse interpretieren.