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Wie viele Interviews braucht man für eine qualitative Studie?

Qualitative Analyse · Maximilian Fuchs · 12. Juni 2026 · 8 Min. Lesezeit

Orientierungswerte: Wie viele Interviews sind üblich?

Eine pauschale Mindestzahl gibt es in der qualitativen Forschung nicht – das ist kein Fehler im System, sondern Programm. Die kurze Antwort lautet dennoch: Für die meisten Abschlussarbeiten mit eng gefasster Fragestellung und relativ homogener Zielgruppe bewegen sich plausible Interviewzahlen zwischen 8 und 20 Interviews.

Diese Spanne ist kein Richtwert im statistischen Sinne. Sie orientiert sich an dem, was empirische Studien über die typische Bandbreite qualitativer Stichprobengrößen bei homogenen Populationen und klar definierten Forschungszielen berichten – nämlich 9 bis 17 Interviews als häufig beobachteten Sättigungsbereich.

Entscheidend ist nicht die Zahl an sich, sondern das Prinzip, das hinter ihr steht: die theoretische Sättigung.

Das Prinzip der Sättigung – der eigentliche Maßstab

Qualitative Forschung fragt nicht: „Ist meine Stichprobe groß genug, um repräsentativ zu sein?“ Sie fragt: „Liefern weitere Interviews noch neue Erkenntnisse?“ Wenn die Antwort Nein lautet, ist Sättigung erreicht.

Dieses Prinzip stammt aus der Grounded Theory und hat sich als übergreifendes Qualitätskriterium in der qualitativen Methodenliteratur durchgesetzt. Es bedeutet praktisch: Sie führen Interviews so lange, bis neue Gespräche keine neuen Themen, Muster oder Bedeutungen mehr hervorbringen.

Gut zu wissen Sättigung ist kein fixer Punktwert, sondern ein Prozess. In der Praxis empfiehlt es sich, nach jedem dritten oder fünften Interview kurz zu prüfen: Tauchen wirklich noch neue Kategorien auf – oder wiederholen sich die Inhalte?

Eine vielzitierte empirische Untersuchung analysierte 60 Leitfadeninterviews und stellte fest, dass der Großteil der zentralen thematischen Codes bereits nach den ersten zwölf Interviews identifiziert war. Das klingt nach einer festen Zahl – ist es aber nicht. Die Autorinnen und Autoren betonen ausdrücklich, dass Homogenität der Zielgruppe, Fokus der Forschungsfrage und Breite der Analyse die tatsächlich benötigte Interviewzahl maßgeblich verschieben können.

Mehr zum Konzept der theoretischen Sättigung, wann sie methodisch als erreicht gilt und wie Sie sie in Ihrer Arbeit dokumentieren, erfahren Sie im Beitrag Was ist theoretische Sättigung und wann ist sie erreicht?

Code-Sättigung vs. Bedeutungssättigung

Eine der wichtigsten methodischen Unterscheidungen, die in der Praxis häufig übersehen wird: Sättigung ist nicht gleich Sättigung. Die Forschungsliteratur differenziert zwischen zwei Ebenen.

Code-Sättigung vs. Bedeutungssättigung im Vergleich
Sättigungstyp Was wird erfasst? Typisch erreicht nach
Code-Sättigung Bandbreite der Themen und Codes ist vollständig identifiziert ca. 9–12 Interviews
Bedeutungssättigung Inhaltliche Tiefe, Nuancen und Bedeutungsvarianten einzelner Codes sind ausgeschöpft ca. 16–24 Interviews

Eine methodische Studie, die 25 Tiefeninterviews analysierte, konnte zeigen, dass Code-Sättigung bereits nach neun Interviews eintrat, während für ein tiefes Verständnis von Bedeutungen und Nuancen 16 bis 24 Interviews erforderlich waren.

Für Ihre Abschlussarbeit bedeutet das: Wollen Sie lediglich ein thematisches Spektrum kartieren – also welche Aspekte eines Phänomens überhaupt existieren? Dann können Sie mit weniger Interviews plausibel argumentieren. Wollen Sie verstehen, warum etwas so bedeutet wie es bedeutet, welche Nuancen es gibt und unter welchen Bedingungen sich Bedeutungen verschieben, benötigen Sie mehr Material.

Welche Faktoren beeinflussen die nötige Interviewanzahl?

Die Entscheidung über die Stichprobengröße ist in der qualitativen Forschung eine begründete Designentscheidung, keine Formelangelegenheit. Folgende Faktoren spielen dabei die größte Rolle:

Homogenität vs. Heterogenität der Stichprobe

Eine homogene Gruppe – zum Beispiel ausschließlich Pflegestudierende im zweiten Semester an einer deutschen Hochschule – erreicht Sättigung früher als eine heterogene Gruppe, die verschiedene Berufsgruppen, Altersklassen oder kulturelle Hintergründe umfasst. Bei heterogenen Stichproben entstehen mehr unterschiedliche Perspektiven, und damit wird mehr Material benötigt, bis sich Muster wiederholen.

Breite vs. Tiefe der Forschungsfrage

Eine eng fokussierte Frage wie „Welche Strategien nutzen Medizinstudierende, um mit Prüfungsstress umzugehen?“ kommt schneller zur Sättigung als eine offene Explorationsfrage wie „Wie erleben Pflegende ihren Berufsalltag in der Intensivmedizin?“. Je breiter der Untersuchungsgegenstand, desto mehr Interviews werden in der Regel nötig sein.

Subgruppenvergleiche

Sobald Sie planen, Untergruppen miteinander zu vergleichen – etwa Berufsanfänger vs. erfahrene Fachkräfte –, multipliziert sich der Bedarf. Für jede Subgruppe muss separat Sättigung angestrebt werden. Zwei Gruppen mit je zehn Interviews bedeuten also mindestens 20 Interviews insgesamt.

Analyseverfahren und analytische Tiefe

Eine qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring, die auf Kategorienbildung ausgerichtet ist, erfordert ein anderes Datenvolumen als eine Grounded-Theory-Studie, die auf Theorieentwicklung zielt. Letztere ist per Definition auf größere und iterativ gesammelte Datenmengen angewiesen.

Erhebungsformat

Leitfadengestützte Einzelinterviews liefern in der Regel mehr Tiefe pro Gespräch als Fokusgruppen. Bei Fokusgruppen wird Sättigung häufig schon nach vier bis acht Gruppen beobachtet, weil die Gruppeninteraktion selbst bereits eine thematische Verdichtung erzeugt. Eine Übersicht über verschiedene Erhebungsformate finden Sie im Beitrag über Methoden zur Erhebung qualitativer Daten.

Häufiger Fehler Viele Studierende legen die Interviewanzahl fest, bevor sie mit der Datenerhebung beginnen – und halten daran dann starr fest. Das widerspricht dem Grundprinzip qualitativer Forschung. Planen Sie eine Mindestanzahl, halten Sie sich aber die Möglichkeit offen, weitere Interviews zu führen, wenn Sättigung noch nicht erreicht ist.

Empfehlungen für Abschlussarbeiten

Für die Praxis der Abschlussarbeit lassen sich aus der Methodenliteratur folgende Orientierungswerte ableiten. Diese sind keine verbindlichen Vorgaben, sondern Ausgangspunkte für Ihre eigene Begründung.

Orientierungswerte nach Arbeitstyp

  • Bachelorarbeit (enger Fokus, homogene Gruppe): 6–12 Interviews sind in der Regel methodisch vertretbar, wenn die Fragestellung scharf abgegrenzt ist.
  • Masterarbeit (differenzierterer Anspruch): 10–20 Interviews ermöglichen sowohl Code- als auch beginnende Bedeutungssättigung.
  • Dissertation / theorieentwickelnde Studie: 20–40+ Interviews, abhängig von Designkomplexität, Subgruppenstruktur und analytischem Verfahren.
  • Fokusgruppenstudien: 4–8 Gruppen mit je 5–8 Teilnehmenden gelten häufig als ausreichend für klar eingegrenzte Themen.

Das klingt zunächst wie ein breites Spektrum – in der Praxis stellt es sich aber meistens als klarer heraus, sobald Fragestellung, Stichprobe und Analyseverfahren feststehen. Wer beispielsweise eine Bachelorarbeit zur Wahrnehmung von Online-Feedback durch Lehramtsstudierende schreibt und eine strukturierende Inhaltsanalyse plant, wird mit 8 bis 10 sorgfältig ausgewählten Interviews gut begründet sein.

Einen guten Überblick über das Spektrum möglicher Analyseverfahren – von der Inhaltsanalyse bis zur Grounded Theory – bietet der Beitrag zu Beispielen für qualitative Analyseverfahren.

Wie begründen Sie die Interviewanzahl im Methodenteil?

Gutachtende an deutschen Hochschulen erwarten keine magische Zahl – sie erwarten eine nachvollziehbare Begründung. Diese sollte folgende Aspekte abdecken:

  1. Bezug auf das Sättigungsprinzip: Erklären Sie, dass die Stichprobengröße am Prinzip der theoretischen Sättigung ausgerichtet ist und nicht an statistischer Repräsentativität.
  2. Charakteristika Ihrer Stichprobe: Begründen Sie, warum Ihre Zielgruppe als relativ homogen oder heterogen eingestuft werden kann und was das für die Sättigung bedeutet.
  3. Referenz auf empirische Studien: Stützen Sie Ihre Planung auf methodische Literatur, die konkrete Sättigungswerte belegt. Die hier zitierten Studien eignen sich dafür hervorragend.
  4. Offenheit für Anpassung: Halten Sie fest, dass Sie die Anzahl bei Bedarf erhöhen werden, sollte im Analyseprozess noch keine Sättigung eingetreten sein.

Wer Interviews transkribiert und anschließend systematisch auswertet, sollte außerdem die Transkriptionsregeln bereits im Vorfeld festlegen. Wie das methodisch korrekt funktioniert, erklärt der Beitrag Wie transkribiert man Interviews richtig?

Qualitative Gütekriterien wie Intersubjektivität, Regelgeleitetheit oder kommunikative Validierung spielen ebenfalls eine Rolle dabei, wie überzeugend Ihr Methodendesign wirkt – unabhängig von der konkreten Interviewanzahl. Eine Übersicht dazu finden Sie im Beitrag zu den Gütekriterien in der qualitativen Forschung.

Wenn Sie unsicher sind, ob Ihr Studiendesign methodisch trägt – von der Fragestellung über die Stichprobenplanung bis zur Auswertungsstrategie –, unterstützt Sie das Team von QuantExpert bei der qualitativen Datenanalyse für Abschlussarbeiten mit individueller methodischer Begleitung.

Einfach erklärt Qualitative Forschung zielt auf Tiefe, nicht auf Breite. Zehn wirklich aufschlussreiche Interviews mit passenden Gesprächspartnerinnen und -partnern sind wertvoller als dreißig oberflächliche. Die Qualität der Auswahl – das sogenannte purposive sampling – ist mindestens ebenso wichtig wie die Anzahl.
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