Wie werden Befragungen durchgeführt?
In diesem Beitrag
- Der Ablauf einer Befragung im Überblick
- Erhebungsziel klären und Stichprobe bestimmen
- Den richtigen Befragungsmodus wählen
- Fragebogen entwickeln und testen
- Die Feldphase: Befragung tatsächlich durchführen
- Ausfälle dokumentieren und Response Rate berechnen
- Daten prüfen und aufbereiten
- Häufige Fehler bei der Durchführung
Der Ablauf einer Befragung im Überblick
Eine Befragung wird durchgeführt, indem Personen gezielt Fragen gestellt werden – schriftlich, mündlich oder digital – und deren Antworten systematisch erfasst werden. Das klingt zunächst unkompliziert, ist in der Praxis aber ein methodisch kontrollierter Prozess mit mehreren aufeinanderfolgenden Schritten.
Für empirische Abschlussarbeiten bedeutet das: Befragungen entstehen nicht einfach dadurch, dass man einen Fragebogen online stellt. Wer eine Befragung methodisch sauber durchführt, durchläuft folgende Phasen:
- Erhebungsziel klären
- Stichprobe bestimmen
- Befragungsmodus festlegen
- Fragebogen entwickeln und testen
- Feldphase durchführen und steuern
- Ausfälle und Rücklauf dokumentieren
- Daten prüfen und aufbereiten
- Ergebnisse analysieren und transparent berichten
Dieser Ablauf entspricht dem, was methodisch als Best Practice für die Durchführung von Befragungen gilt – von der Planung bis zur Berichterstattung. Die folgenden Abschnitte erläutern jeden Schritt praxisnah.
Erhebungsziel klären und Stichprobe bestimmen
Bevor die erste Frage formuliert wird, muss feststehen, was die Befragung messen soll und wen sie befragen soll. Beides hängt unmittelbar zusammen: Die Forschungsfrage bestimmt die Zielgruppe, und die Zielgruppe bestimmt, wie die Stichprobe gezogen werden kann.
Erhebungsziel präzisieren
Ein klar formuliertes Erhebungsziel verhindert, dass der Fragebogen zu breit wird und Befragte unnötig belastet. Typische Erhebungsziele in Abschlussarbeiten sind:
- Einstellungen oder Meinungen erfassen (z. B. Arbeitszufriedenheit)
- Verhalten oder Häufigkeiten messen (z. B. Nutzungsverhalten digitaler Tools)
- Zusammenhänge zwischen Variablen prüfen (z. B. Stress und Schlafqualität)
- Gruppenunterschiede feststellen (z. B. Unterschiede nach Geschlecht oder Alter)
Stichprobe ziehen
Die Stichprobe beschreibt, welche Personen aus der Grundgesamtheit befragt werden. Für wissenschaftliche Arbeiten ist entscheidend, ob eine Zufallsstichprobe (z. B. systematische Zufallsauswahl) oder eine nicht-probabilistische Stichprobe (z. B. Convenience-Sample) gezogen wird. Beides ist legitim – muss aber transparent beschrieben und in der Diskussion reflektiert werden.
Wie viele Personen befragt werden müssen, hängt vom statistischen Verfahren und der erwarteten Effektgröße ab. Eine ausführliche Orientierung dazu bietet unser Beitrag zur Planung der Datenerhebung für Abschlussarbeiten.
Den richtigen Befragungsmodus wählen
Der Befragungsmodus beschreibt, auf welchem Weg die Befragung stattfindet. Er beeinflusst die Datenqualität, die Kosten und die erreichbare Stichprobe erheblich. Die wichtigsten Modi im Überblick:
| Modus | Vorteile | Nachteile | Typisch für |
|---|---|---|---|
| Online (Web-Survey) | Günstig, skalierbar, schnell | Kein Interviewer-Support, technische Hürden | Bachelorarbeiten, Masterarbeiten |
| Schriftlich (Paper) | Keine Internetverbindung nötig, anonym | Aufwändige Eingabe, langsam | Schulstudien, ältere Zielgruppen |
| Telefonisch (CATI) | Hohe Erreichbarkeit, Interviewer unterstützt | Teuer, sinkende Bereitschaft | Bevölkerungsumfragen, Marktforschung |
| Face-to-Face (CAPI) | Höchste Datenqualität, komplexe Fragen möglich | Sehr aufwändig, teuer | Dissertationen, Forschungsprojekte |
Online- und schriftliche Modi sind günstiger und für Studierende leichter umsetzbar. Sie erfordern aber besonders klare und selbsterklärende Fragen, da keine Interviewperson bei Verständnisproblemen eingreifen kann. Interviewerbasierte Modi erlauben komplexere Erhebungen, setzen aber geschultes Personal voraus.
Einen detaillierten Überblick über alle gängigen Befragungsarten finden Sie im Beitrag zu den drei verschiedenen Umfragearten.
Fragebogen entwickeln und testen
Der Fragebogen ist das zentrale Erhebungsinstrument. Seine Qualität entscheidet darüber, ob die Befragung das misst, was gemessen werden soll. Mehr zu den Instrumenten der Datenerhebung finden Sie in unserem separaten Beitrag.
Fragetypen und Formulierung
Befragungen nutzen typischerweise drei Fragetypen: geschlossene Fragen (mit vorgegebenen Antwortkategorien), offene Fragen (freie Textantwort) und Skalenfragen (z. B. Likert-Skala von 1 bis 5). Die Wahl des Fragetyps hängt davon ab, was gemessen werden soll und wie die Antworten ausgewertet werden sollen – mehr dazu erklärt unser Artikel zu den drei Fragetypen.
Bei der Formulierung gilt: Jede Frage sollte nur einen Sachverhalt ansprechen, keine Fachbegriffe ohne Erklärung enthalten und keine suggestive Richtung vorgeben. Doppelte Verneinungen und mehrdeutige Formulierungen führen zu systematischen Messfehlern.
Reihenfolge und Aufbau
Bewährt hat sich ein Aufbau vom Allgemeinen zum Spezifischen: leicht beantwortbare Einstiegsfragen, dann inhaltliche Kernfragen, am Ende sensible oder demografische Angaben. Sensible Fragen sollten so gestaltet sein, dass Befragte ausweichen können – erzwungene Antworten reduzieren die Datenqualität.
Pretest durchführen
Vor der eigentlichen Feldphase sollte der Fragebogen an einer kleinen Gruppe (5–10 Personen) getestet werden. Dabei zeigt sich, ob Fragen missverstanden werden, die Bearbeitungszeit realistisch eingeschätzt wurde und technische Fehler im Online-Tool vorliegen. Ein Pretest ist kein optionaler Schritt, sondern methodische Pflicht.
Die Feldphase: Befragung tatsächlich durchführen
Als Feldphase bezeichnet man den Zeitraum, in dem der Fragebogen aktiv an die Zielgruppe ausgespielt und beantwortet wird. Hier entscheidet sich, wie viele verwertbare Antworten tatsächlich eingehen.
Rekrutierung und Erstkontakt
Wie Befragte erreicht werden, hängt vom Modus ab. Für Online-Umfragen verbreiten Studierende den Link häufig über Lernplattformen, soziale Netzwerke, E-Mail-Verteiler oder Aushänge. Wichtig ist ein kurzes, verständliches Anschreiben, das erklärt:
- Wer die Befragung durchführt
- Zu welchem Zweck (Abschlussarbeit, Forschungsprojekt)
- Wie lange die Teilnahme dauert
- Wie die Anonymität der Daten gewährleistet wird
Transparente Kommunikation erhöht die Bereitschaft zur Teilnahme und ist datenschutzrechtlich erforderlich. Mehr dazu, wie Anonymität bei der Datenerhebung sichergestellt werden kann, lesen Sie in unserem Beitrag zur Anonymität bei der Datenerhebung.
Interviewerbasierte Befragungen: Schulung ist entscheidend
Bei Face-to-Face- oder Telefonbefragungen tragen die Interviewenden erheblichen Einfluss auf die Datenqualität. Sie beeinflussen, wer überhaupt teilnimmt, wie Fragen verstanden werden und ob Antworten verzerrt werden.
Interviewende müssen daher systematisch geschult werden. Interviewer beeinflussen Befragungsergebnisse auf drei Ebenen: Sie tragen zur Response Rate bei, motivieren Befragte und müssen die Frage-Antwort-Interaktion standardisiert und unverzerrend gestalten. Eine standardisierte Interviewführung bedeutet: alle Interviewenden stellen dieselben Fragen in derselben Reihenfolge, ohne eigene Interpretationen oder Betonungen einzufügen.
Wer im Rahmen einer Abschlussarbeit selbst Interviews durchführt, sollte diesen Anspruch an sich selbst stellen – auch wenn keine weiteren Interviewenden beteiligt sind.
Erinnerungen und Nachfassaktionen
Gerade bei Online-Umfragen ist die Rücklaufquote ein kritischer Faktor. Eine oder zwei freundliche Erinnerungen an nicht reagierte Personen können die Quote deutlich verbessern. Welche Rücklaufquote angestrebt werden sollte und wie man sie steigert, erläutert unser Beitrag zur Rücklaufquote bei Umfragen.
Ausfälle dokumentieren und Response Rate berechnen
Eine Befragung gilt erst dann als methodisch sauber dokumentiert, wenn nicht nur die eingegangenen Antworten, sondern auch alle Kontaktversuche und Ausfälle protokolliert wurden.
Jede Person, die kontaktiert wurde, erhält einen Fallstatus: vollständiges Interview, Teilinterview, Verweigerung, nicht erreichbar. Auf dieser Grundlage lässt sich die Response Rate berechnen – das Verhältnis von vollständig ausgefüllten Fragebögen zur Zahl der eligiblen Einheiten in der Stichprobe.
Response Rate (Formel)
Standardisierte Definitionen für Fallstatus, Response Rates, Cooperation Rates und Contact Rates ermöglichen es, den Verlauf einer Befragung nachvollziehbar und vergleichbar zu dokumentieren. Für wissenschaftliche Abschlussarbeiten bedeutet das: Berichten Sie nicht nur die Zahl der ausgefüllten Fragebögen, sondern auch, wie viele Personen kontaktiert wurden und wie viele nicht teilgenommen haben – und warum.
Daten prüfen und aufbereiten
Nach der Feldphase liegen die Rohdaten vor. Bevor die eigentliche Analyse beginnt, müssen die Daten geprüft und aufbereitet werden. Das umfasst mehrere Teilschritte:
- Vollständigkeit prüfen: Fragebögen mit zu vielen fehlenden Werten aus dem Datensatz ausschließen oder separat behandeln
- Plausibilitätsprüfung: Offensichtlich widersprüchliche Antworten identifizieren (z. B. Alter = 200)
- Codierung: Offene Antworten kategorisieren, Antwortkategorien in numerische Werte überführen
- Umkodierung: Negativ formulierte Items für Skalenanalysen umpolen
- Ausreißer identifizieren: Extremwerte prüfen und dokumentieren
Erst nach diesem Schritt sind die Daten bereit für statistische Auswertungen. Eine professionelle Datenerhebung für empirische Abschlussarbeiten schließt diese Aufbereitungsphase immer mit ein – sie ist kein Selbstläufer und nimmt häufig mehr Zeit in Anspruch als erwartet.
Häufige Fehler bei der Durchführung
In der Praxis treten bei der Durchführung von Befragungen immer wieder dieselben Probleme auf. Wer sie kennt, kann sie gezielt vermeiden:
Weitere typische Fehler:
- Zu lange Fragebögen: Mehr als 15–20 Minuten Bearbeitungszeit führen zu deutlich mehr Abbrüchen und nachlassender Antwortqualität gegen Ende
- Fehlende Anonymisierung: Ohne klares Datenschutzversprechen verweigern viele Personen die Teilnahme oder antworten sozial erwünscht
- Unklare Stichprobendefinition: Wer zur Zielgruppe gehört, muss vorab festgelegt werden – nicht nachträglich angepasst, wenn die Rekrutierung schwierig wird
- Kein Protokoll der Feldphase: Ohne Dokumentation von Kontaktversuchen und Ausfällen lässt sich die Datenqualität später nicht einschätzen
- Interviewer-Bias bei Face-to-Face-Befragungen: Unstandardisierte Interviewführung erzeugt systematische Messfehler, die sich in den Daten nicht mehr bereinigen lassen
Wer sich unsicher ist, was vor der Datenerhebung beachtet werden muss, findet dort eine strukturierte Checkliste für die Vorbereitungsphase. Und wer mehr darüber erfahren möchte, welche Methoden grundsätzlich zur Datenerhebung zur Verfügung stehen, findet eine kompakte Übersicht im Beitrag zu den vier Methoden der Datenerhebung.
Checkliste: Befragung Schritt für Schritt
- Erhebungsziel klar formuliert
- Grundgesamtheit und Zielgruppe definiert
- Stichprobenstrategie und -größe festgelegt
- Befragungsmodus gewählt und begründet
- Fragebogen entwickelt und sprachlich überprüft
- Pretest mit mindestens 5 Personen durchgeführt
- Datenschutz und Anonymität sichergestellt
- Anschreiben/Einladungstext formuliert
- Feldphase gestartet, Rücklauf überwacht
- Erinnerungen versendet (ggf. 1–2 Nachfassaktionen)
- Fallstatus und Ausfälle protokolliert
- Response Rate berechnet
- Rohdaten geprüft und aufbereitet
- Daten für Analyse bereit