Grounded Theory
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Was versteht man unter Grounded Theory?
Die Grounded Theory ist eine qualitative Forschungsmethode, die 1967 von den Soziologen Barney Glaser und Anselm Strauss entwickelt wurde. Ihr Kernprinzip: Theorien werden nicht vorab aufgestellt und dann anhand von Daten überprüft, sondern unmittelbar aus dem empirischen Datenmaterial heraus entwickelt – also induktiv. Das englische Wort „grounded“ bedeutet so viel wie „verankert“ oder „begründet“: Die entstehende Theorie ist fest im erhobenen Datenmaterial verankert.
Der Forschungsprozess folgt typischerweise drei aufeinanderfolgenden Kodierschritten:
- Offenes Kodieren: Das Datenmaterial (z. B. Interviewtranskripte) wird systematisch aufgebrochen und mit Konzepten versehen. Erste Kategorien entstehen.
- Axiales Kodieren: Die gefundenen Kategorien werden miteinander in Beziehung gesetzt und strukturiert. Es werden Zusammenhänge, Ursachen und Konsequenzen herausgearbeitet.
- Selektives Kodieren: Eine Kernkategorie wird identifiziert, um die herum alle anderen Kategorien integriert werden. Sie bildet das Zentrum der entstehenden Theorie.
Ein zentrales Werkzeug ist das theoretische Sampling: Die Datenerhebung erfolgt nicht nach einem festen Plan, sondern wird flexibel an die sich entwickelnde Theorie angepasst. Neue Fälle werden so lange hinzugezogen, bis eine theoretische Sättigung erreicht ist – also keine wesentlich neuen Erkenntnisse mehr auftauchen.
Warum ist Grounded Theory für statistische Analysen wichtig?
Grounded Theory gehört in den Bereich der qualitativen Forschung und ist damit kein statistisches Verfahren im engeren Sinne. Dennoch ist sie für Forschende wichtig, weil sie in der Wissenschaft häufig dort eingesetzt wird, wo quantitative Methoden an ihre Grenzen stoßen – nämlich wenn es darum geht, wenig erforschte Phänomene zu verstehen oder neue Theorien zu generieren.
In gemischten Forschungsdesigns (Mixed Methods) kann eine Grounded-Theory-Studie auch als Grundlage für spätere quantitative Untersuchungen dienen: Die qualitativen Befunde liefern Hypothesen, die dann statistisch überprüft werden. In diesem Sinne ergänzen sich beide Ansätze.
Praxisbeispiel zu Grounded Theory
Stell dir vor, du forschst zum Thema Studienabbruch und möchtest verstehen, welche Faktoren Studierende dazu bewegen, ihr Studium aufzugeben. Da es dir nicht um Häufigkeiten geht, sondern um das Erleben und die Entscheidungsprozesse der Betroffenen, wählst du einen Grounded-Theory-Ansatz.
Du führst zunächst fünf offene Interviews mit Studienabbrechenden durch. Beim offenen Kodieren stellst du fest, dass Begriffe wie „Überforderung“, „fehlende Zugehörigkeit“ und „falsche Erwartungen“ immer wieder auftauchen. Beim axialen Kodieren erkennst du: Überforderung verstärkt sich, wenn soziale Unterstützung fehlt. Beim selektiven Kodieren identifizierst du „Orientierungslosigkeit im Studium“ als Kernkategorie, um die sich alle anderen Konzepte gruppieren lassen.
Da du noch unsicher bist, ob finanzieller Druck eine eigenständige Rolle spielt, führst du – dem Prinzip des theoretischen Samplings folgend – weitere Interviews gezielt mit Personen durch, die finanzielle Schwierigkeiten als Hauptgrund nannten. Nach weiteren Gesprächen erreichst du theoretische Sättigung: Neue Interviews liefern keine grundlegend neuen Kategorien mehr. Das Ergebnis ist eine gegenstandsverankerte Theorie über die Ursachenkomplexe des Studienabbruchs – entwickelt direkt aus den Daten heraus.