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Statistik-Glossar

Missing Not at Random

MNAR · Nicht zufällig fehlend · Maximilian Fuchs · 24. April 2026 · 5 Min. Lesezeit

Was versteht man unter Missing Not at Random?

Missing Not at Random (MNAR) bezeichnet ein Fehlendmuster in Datensätzen, bei dem die Wahrscheinlichkeit, dass ein Wert fehlt, vom Wert selbst abhängt – also von der nicht beobachteten Information. MNAR ist der problematischste der drei klassischen Fehlendmechanismen, die ursprünglich von Donald Rubin (1976) beschrieben wurden:

Formal lässt sich MNAR so beschreiben: Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Wert Y fehlt, ist eine Funktion von Y selbst – auch nachdem alle beobachteten Variablen berücksichtigt wurden. Das Fehlen lässt sich also nicht allein durch die vorhandenen Daten erklären.

Einfach erklärt Stell dir vor, du fragst Menschen nach ihrem Monatsgehalt. Genau die Personen, die sehr viel oder sehr wenig verdienen, lassen diese Frage häufiger aus. Das Fehlen des Gehalts hängt also direkt davon ab, wie hoch das Gehalt ist – und genau das macht es so schwer zu korrigieren, weil du den fehlenden Wert ja gar nicht kennst.

Warum ist Missing Not at Random für statistische Analysen wichtig?

MNAR ist deshalb so kritisch, weil keine der üblichen Standardmethoden zur Behandlung fehlender Werte das Problem vollständig lösen kann. Bei MCAR oder MAR liefern Techniken wie multiple Imputation oder Full Information Maximum Likelihood (FIML) unter bestimmten Annahmen unverzerrte Schätzer. Bei MNAR gelten diese Annahmen nicht mehr – die verbleibenden Daten sind systematisch verzerrt, und das Muster des Fehlens enthält selbst Information, die du nicht siehst.

Konkret bedeutet das: Wenn du MNAR einfach ignorierst und Fälle listenweise ausschließt oder Mittelwerte imputierst, entstehen verzerrte Schätzer (Bias). Deine Stichprobe repräsentiert dann nicht mehr die Grundgesamtheit, und Schlussfolgerungen können systematisch falsch sein.

Häufiger Fehler Viele Forschende prüfen nur, ob Daten MCAR oder MAR sind (z. B. mit dem Little-Test), und gehen dann davon aus, das Problem sei gelöst. MNAR lässt sich jedoch statistisch nicht beweisen – es bleibt immer eine inhaltliche Annahme, die du mit Fachwissen und Studiendesign begründen musst. Ein fehlender Signifikanztest allein schließt MNAR nicht aus.

Es gibt spezialisierte Modelle für MNAR-Situationen, zum Beispiel Selection Models oder Pattern Mixture Models. Diese erfordern jedoch zusätzliche, nicht überprüfbare Annahmen über den Fehlendmechanismus und sind methodisch anspruchsvoll. In der Praxis empfiehlt sich außerdem eine Sensitivitätsanalyse: Du analysierst deine Daten unter verschiedenen plausiblen MNAR-Szenarien und prüfst, wie stabil deine Ergebnisse bleiben.

Praxisbeispiel zu Missing Not at Random

Eine Forscherin untersucht im Rahmen einer klinischen Studie die Wirksamkeit einer Therapie bei Depressionen. Sie misst den Schweregrad der Symptome zu mehreren Zeitpunkten. Im Verlauf der Studie brechen einige Teilnehmende die Befragung ab und geben keine weiteren Antworten.

Die entscheidende Frage lautet: Warum fehlen diese Werte? Wenn Personen mit besonders starken Depressionssymptomen häufiger aussteigen – weil sie sich zu schlecht fühlen, um weiterzumachen –, dann hängt das Fehlen direkt vom nicht beobachteten Symptomwert ab. Das ist ein klassischer MNAR-Fall.

Tabelle 1. Schematischer Vergleich der Fehlendmechanismen am Beispiel Depressionsstudie
Mechanismus Warum fehlt der Wert? Beispiel
MCAR Rein zufällig, kein Zusammenhang Fragebogen geht durch Postfehler verloren
MAR Hängt von beobachteten Variablen ab Ältere Teilnehmende brechen häufiger ab (Alter ist bekannt)
MNAR Hängt vom fehlenden Wert selbst ab Stark depressive Personen brechen ab (Symptomwert unbekannt)

Wenn die Forscherin in diesem Szenario einfach nur die vollständigen Fälle analysiert, unterschätzt sie systematisch den Schweregrad der Depression in ihrer Stichprobe. Eine Sensitivitätsanalyse – etwa unter der Annahme, dass Aussteiger im Durchschnitt höhere Symptomwerte gehabt hätten – würde zeigen, wie robust ihre Schlussfolgerungen gegenüber verschiedenen MNAR-Szenarien sind.

Gut zu wissen MNAR lässt sich mit vorhandenen Daten allein nicht eindeutig nachweisen oder ausschließen. Eine fundierte inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Studiendesign und den Abbruchgründen ist deshalb ebenso wichtig wie die statistische Modellierung.

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