Thematische Analyse
In diesem Beitrag
Was versteht man unter Thematischer Analyse?
Die Thematische Analyse ist eine Methode zur systematischen Identifikation, Analyse und Interpretation von Mustern – sogenannten Themen – in qualitativen Daten. Sie wurde maßgeblich von Braun und Clarke (2006) als eigenständige, flexible Methode beschrieben und ist heute eine der meistgenutzten Auswertungsstrategien in der qualitativen Forschung.
Ein Thema ist dabei kein bloßes Häufigkeitsmerkmal, sondern ein Muster, das etwas Bedeutsames in Bezug auf die Forschungsfrage erfasst. Der Analyseprozess läuft typischerweise in sechs Phasen ab:
- Vertrautmachen mit den Daten: Transkripte lesen, erste Notizen machen.
- Initiales Kodieren: Systematisches Kennzeichnen bedeutsamer Textstellen (Codes).
- Suche nach Themen: Codes werden zu potenziellen Themen gruppiert.
- Überprüfung der Themen: Themen werden anhand des Materials validiert und ggf. angepasst.
- Benennung und Definition: Jedes Thema erhält einen präzisen Namen und eine klare Beschreibung.
- Verfassen des Berichts: Die Themen werden mit Datenauszügen belegt und interpretiert.
Grundsätzlich wird zwischen einem induktiven Vorgehen (die Themen entstehen aus den Daten heraus) und einem deduktiven Vorgehen (bestehende Theorien oder Konzepte leiten die Analyse) unterschieden. Beide Ansätze sind methodisch legitim und sollten der Forschungsfrage entsprechend gewählt werden.
Warum ist Thematische Analyse für statistische Analysen wichtig?
Die Thematische Analyse ist zwar eine qualitative Methode und arbeitet nicht mit Zahlen oder Signifikanztests – dennoch ist sie für viele Forschungsvorhaben unverzichtbar, gerade wenn quantitative Daten allein nicht ausreichen, um komplexe Erfahrungen, Einstellungen oder Bedeutungszuschreibungen zu erfassen.
Im Rahmen von Mixed-Methods-Designs ergänzt sie quantitative Ergebnisse: Während eine Umfrage zeigt, dass 70 % der Studierenden Prüfungsangst erleben, erklärt die Thematische Analyse, wie und warum diese Angst erlebt wird. Das gibt den Befunden Tiefe und Kontext.
Für Abschlussarbeiten und Dissertationen ist sie besonders attraktiv, weil sie methodisch flexibel und auch für Einsteiger zugänglich ist – vorausgesetzt, man wendet sie strukturiert an.
Praxisbeispiel zu Thematischer Analyse
Eine Psychologiestudentin untersucht in ihrer Masterarbeit, wie Erstsemesterstudierende den Übergang von der Schule zur Universität erleben. Dazu führt sie zehn halbstrukturierte Interviews durch und transkribiert diese. Anschließend beginnt sie mit der Thematischen Analyse:
- Beim Lesen der Transkripte markiert sie Stellen wie „Ich wusste nie, wann ich lernen soll“ oder „Niemand sagt einem, was man tun muss“.
- Diese Stellen kodiert sie zunächst mit Labels wie Orientierungslosigkeit, fehlende Struktur und Selbstverantwortung.
- Im nächsten Schritt erkennt sie, dass viele Codes ein gemeinsames Muster beschreiben, das sie als Thema formuliert: „Verlust gewohnter Strukturen als Quelle von Unsicherheit“.
| Datenauszug (Beispiel) | Code | Thema |
|---|---|---|
| „Ich wusste nicht, wie ich meinen Tag einteilen soll.“ | Fehlende Tagesstruktur | Verlust gewohnter Strukturen als Quelle von Unsicherheit |
| „In der Schule hat man immer gesagt, was als Nächstes kommt.“ | Orientierungslosigkeit | |
| „Plötzlich musste ich selbst entscheiden, was wichtig ist.“ | Selbstverantwortung |
Im Abschlussbericht stellt die Studentin das Thema vor, belegt es mit mehreren Zitaten und interpretiert es im Kontext ihrer Forschungsfrage. So entsteht aus einzelnen Textstellen ein kohärentes, analytisch begründetes Ergebnis.